Verteidigung der Willensfreiheit

Verteidigung der
Willensfreiheit

Ex post Validierung als Makel des Determinismus

Wer sich nicht bereits vom Titel hat abschrecken lassen, ist schon den ersten Schritt gegangen auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen, die dieser Essay vermitteln will. Die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen ist eine der elementarsten Fragen der Philosophie, über die sich kluge Menschen schon seit Jahrhunderten den Kopf zerbrechen. Es scheint, als gäbe es auf diese Frage keine eindeutige Antwort und wenn alle Positionen gehört sind, kommt man nicht umhin eine Glaubensentscheidung zu treffen. Ich selbst war lange Zeit knallharter Determinist, wohlwissend, dass man sich Vorbestimmtheit als Idee zwar vorstellen, jedoch nie wirklich begreifen und in seinem Wesen erfassen kann. Wäre ein Mensch dazu in der Lage, seine eigenen Handlungen als vollkommen determiniert wahrzunehmen, so wäre er wohl nicht mehr handlungsfähig. Vielleicht würde er auch eine Art Kurzschluss erleiden, gleich eines Roboters, der mit einem Paradoxon konfrontiert wird. Glücklicherweise ist der Mensch jedoch in der Lage ist Paradoxien kognitiv zu integrieren, das bedeutet, er kann gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Positionen vertreten oder Handlungen ausführen, die vollkommen dem entgegen stehen, was er eigentlich bezwecken möchte (z.B. Krieg führen um Frieden zu schaffen). Diese Fähigkeit bringt auch eine Reihe von Problemen mit sich, welche allerdings an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden können. Zumindest jedenfalls kann man davon ausgehen, dass die Person, die sich ihrer Determinierung vollständig gewahr ist, jeglicher Lebensfreude beraubt wäre, denn nichts was sie tut ist wirklich ihr eigenes Schaffen. Aus historischer Perspektive ist es vielleicht auch gerade das Unvermögen die eigene Vorbestimmtheit zu begreifen, das die Verfechter der Willensfreiheit so vehement an ihrem Standpunkt festhalten lässt. Allen wissenschaftlichen Idealen zum Trotz, zeigt die Geschichte doch immer wieder, dass Menschen eher dazu neigen Bestätigung für die eigenen Vorurteile zu suchen und große mentale Anstrengungen auf sich nehmen um das zu rechtfertigen, was sie von vornherein schon für wahr halten. Die Weigerung, tatsächlich eine Metaperspektive einzunehmen und die eigenen Ansichten kritisch zu hinterfragen, resultiert wohl auch aus Angst davor, was man dabei über sich selbst erfährt. Es gilt das Credo: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“. Im Falle des Determinismus ist diese Angst wie bereits erwähnt auch durchaus berechtigt. Dennoch sind, nüchtern betrachtet, die plausibleren Argumente klar auf seiner Seite und auch die Neurowissenschaft zeigt, dass das Gehirn bereits Vorbereitungen für eine Handlung trifft, noch bevor sich ein Proband bewusst für diese entscheidet.

Warum heißt es in der Überschrift dann also „Verteidigung der Willensfreiheit“, wo ich doch bisher genau das Gegenteil getan habe? – Weil es ein Argument gibt, das der Determinismus nicht zu entkräften vermag. Zwar ist es richtig, dass man jede menschliche Handlung erklären und auf Ursachen zurückführen kann. So lässt sich zum Beispiel die Berufswahl einer beliebigen Person auf seine soziale Herkunft, seine persönliche Geschichte und seine biologisch gegebenen Talente zurückführen. Je mehr Variablen zur Erklärung zur Verfügung stehen, desto genauer kann man beschreiben, warum sich jemand so entschieden hat, wie er es getan hat. Das Problem dabei ist nur, dass solche Erklärungen immer erst im Nachhinein möglich sind. Dass Bob Busfahrer geworden ist, kann man erst erklären nachdem er diesen Schritt vollzogen hat und wäre er Dachdecker geworden, so würde man dafür sicher auch eine Erklärung finden. Menschliches Verhalten lässt sich nicht definitiv vorhersehen, so wie das bei Dingen und eingeschränkt auch bei den instinkthaften Handlungen der Tiere möglich ist. Aus diesem Grund arbeitet die Soziologie (die es sich zur Aufgabe gemacht hat „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären“ zu wollen [Weber 1921, S. 1]) ausschließlich mit Wahrscheinlichkeiten und alle ernstzunehmenden Soziologen weigern sich definitive Aussagen über zukünftige gesellschaftliche Ereignisse zu treffen.

Nun könnte man behaupten, gesellschaftliche Prozesse einfach zu komplex seien, um sie vollständig erfassen und vorhersagen zu können. Würde man also alle Gründe kennen und sie in ein umfassendes Handlungsmodell einbauen, so könnte man auch genaue Vorhersagen über künftige Entwicklungen treffen. Aufgrund der Tatsache, dass so etwas noch nicht mal im Ansatz realisiert werden konnte, sich Erklärungen in der Soziologie im Zeitverlauf ändern können (geschichtlich zeigt sich keine nennenswerte Theorie-Evolution sondern eher ein Theorienpluralismus) und Erklärungen immer erst ex post gefunden werden können ist es aber genauso denkbar, dass man tatsächlich Herr über seine Entscheidungen ist und sich in einer gegebenen Situation unter gleichen Voraussetzungen auch hätte anders entscheiden können. Man kann die Entscheidung dann mit einem Quantenteilchen vergleichen, das mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten an verschiedenen Orten im Raum existiert und erst durch die Messung einen definitiven Aufenthaltsort bekommt. Experimente in der Physik haben gezeigt, dass sich ein Teilchen so an zwei Orten zur gleichen Zeit befinden kann (Baker, 2009, S.104). Auf ähnliche Weise könnte nun die Entscheidung für Schokoladen- oder Vanillepudding gleichzeitig existieren und erst die Willensentscheidung des Menschen legt die Manifestation unabänderlich fest. Ein starker Wille könnte so auch unwahrscheinliche Handlungsentscheidungen herbeiführen. Daher wäre es dann auch der freie Wille, der den Süchtigen dazu bringt auf seinen Stoff zu verzichten, den Schüchternen dazu bringt ein hübsches Mädchen anzusprechen oder das Landei sich einmal auf Reisen zu begeben.

Wie weit einen diese freien Willensentscheidungen tragen können hängt zwar immer noch in großem Maß von den inneren und äußeren Umständen ab (geographische und wirtschaftliche Lage, Sozialstruktur, Hautfarbe, Bildungsniveau, usw.), ein Spielraum für die willentliche Steuerung des eigenen Lebens ist damit aber zumindest gegeben. Man ist seiner Natur nicht vollkommen ausgeliefert und der menschliche Verstand und das Bewusstsein dienen nicht einzig dazu die Handlungen, die wir sowieso ausführen im Nachhinein zu rationalisieren. Dies ist umso wichtiger, da in der heutigen Zeit die Möglichkeiten der freien Willensentscheidung im Sinne wirklicher Alternativen zunehmend eingeschränkt werden. Dies geschieht subversiv und schleichend, so dass es nur schwer zu bemerken ist, wenn man nicht explizit darauf achtet, aber es findet seit Jahrzehnten eine zunehmende Gleichschaltung aller Lebensbereiche statt. In der Politik gleichen sich die Positionen der Parteien an (und wenn sich die vertretenen Positionen unterscheiden, dann gleichen sich die tatsächlichen Maßnahmen, die ergriffen werden). In den klassischen Medien gleichen sich trotz Pressefreiheit die Beiträge immer mehr. In der Wirtschaft gibt es zwar immer größere Produktpalletten, diese bieten jedoch nur eine Scheinwahl, denn trotz verschiedener Hersteller, variierendem Design und differenzierten Preisen, unterscheiden sich die Produkte in ihrer Funktionalität nur marginal.

Das Paradoxe daran ist, dass die Auswahl dessen, was in diesen drei elementaren Bereichen der Gesellschaft produziert wird, sich scheinbar nach dem richtet, was die Menschen haben wollen. Sie orientieren sich an Erwartungserwartungen. In aufwändigen Studien werden die Erwartungen der Bevölkerung ermittelt, damit die Beiträge entsprechend gestaltet werden können. Diese orientiert sich allerdings ihrerseits an dem, was Politik, Medien und Wirtschaft ihnen vorgeben. Dies führt zu einer weiteren Reproduktion der gegebenen Verhältnisse und zementiert sie. Gleichzeitig sind diese Verhältnisse heuchlerischer als jemals zuvor, da sie uns Wahlfreiheit vorgaukeln. SPD oder CDU, Spiegel oder Focus, Nestle oder Unilever… Entscheide dich!

Der geneigte Leser wird bemerkt haben, dass sich die Ausführungen auf zwei Ebenen bewegt haben; zunächst auf der philosophischen und nun auf der soziologischen. Die eine macht ohne die andere auch keinen Sinn, denn wenn man nicht einmal theoretisch der menschlichen Willensfreiheit Raum einräumen kann, dann ist der freie Wille nichts weiter als ein nützliches Konstrukt unseres Gehirns, das uns hilft überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Die Reflexion der Willensfreiheit ist dann eher ein Hemmnis für die Auslebung unserer Natur. Wer sich, wie ich, kritisch mit dem eigenen freien Willen auseinandersetzt, der funktioniert schlechter in der Gesellschaft, als jemand, der dies nicht tut. Außer natürlich, der Verstand leistet eine genügende Verdrängungsleistung[1], damit dies nicht so sehr ins Gewicht fällt. So jedoch lässt sich festhalten, dass die Willensfreiheit eine reale Möglichkeit darstellt. Und sollte es sie tatsächlich geben, dann müssen die Menschen gerade jetzt, in Zeiten von Gleichschaltung und Dauerkrise, wieder häufiger davon Gebrauch machen und dürfen sich nicht blenden lassen von den Nebelkerzen der PR und des Marketing.

 

Literatur:

Joanne Baker (2009) Die Heisenberg’sche Unbestimmtheitsrelation. In: 50 Schlüsselideen Physik. Spektrum Akademischer Verlag.

Max Weber (1921) Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie. Mohr Siebeck.

 

Nachgang: Der Freie

Als die Wut auf die Verhältnisse neulich einmal wieder in mir hochschwabte und ich mir gewahr wurde, dass wer sich heutzutage noch ganz dem Fluss des Lebens hingibt, doch zwangsläufig zum Konsumopfer wird, da tat ich etwas eigentlich vollkommen kontraproduktives… ich ging einkaufen! Und als sich so vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt stand und meine innere Stimme mal wieder ausrief: „Hier stehe ich und kann nicht anders“ entgegnete ich ihr:

„Doch!!! Fickt euch ihr Deterministen, ich bin mein eigener Herr!!! Ich lasse mich weder beeinflussen von Triple Choco noch von feinstem Kakao Mousse, noch von den meisten und größten ganzen Haselnüssen, die eine Tafel Vollmilchschokolade je gesehen hat. Ihr könnt mich mal ihr Marketing Futzis. Ich geh jetzt zum Markt und hol mir nen verkackten Apfel! Und zwar Bio! Und aus der Region! Ach was, noch besser… Ich such mir nen Apfelbaum und pflück die Scheiße selber. Und zwar nicht aus Protest, sondern weil ich Bock drauf hab! Weil mein Körper Bock drauf hat. Auf etwas Reales, auf etwas Natürliches, auf etwas, das nicht von einarmigen Negerkindern[2] unter Androhung von Peitschenhieben am anderen Ende der Welt gepflückt wurde. Auf etwas, das nicht in jahrelangen und Millionen verschlingenden Testreihen perfekt jede Geschmacksknospe meines Gaumens mit genau dem Anreiz versorgt, der in meinem Gehirn das größtmögliche, ohne Drogen gerade noch so zu erreichende Glücksgefühl auslöst. Auf etwas, das nicht schon durch zig Hände einer just-in-time getakteten Supply Chain mit Verpackungsunternehmen, Transportunternehmen, Händlern, Unterhändlern, Unterhändlerhändlern und Verpackungstransportunterhändlerhändlern gelaufen ist. Und was dabei von einem Wert 0,2 Cent pro Kilo auf 1,09€ pro 100 Gramm schnellt (was trotzdem noch saubillig ist weil die meisten armen Schweine, die bei besagten Verpackungstransportunterhändlerhändlern arbeiten chronisch unterbezahlt sind). Sondern auf etwas, das einfach nur so auf nem verdammten Baum wächst!!! Das ist Willensfreiheit ihr Penner!“

 


[1] Wie gesagt, der menschliche Verstand ist in der Lage Paradoxien zu integrieren.

[2] Ja, NEGER! Steinigt mich wenn ihr wollt oder verleiht mir die goldene Arschkrampe für Rassismus, aber denen, die da unten verrecken ist es pfurzegal, ob wir Neger, Schwarzer oder von mir aus Anders-als-ich-aussehender-der-deswegen-aber-auf-KEINEN-Fall-weniger-wert-ist-Mensch sagen. Nicht welches Wort man benutzt ist entscheidend, sondern warum und in welchem Kontext es benutzt wird. Und jetzt die antirassistischen Futterluken zu!

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