Überwachung – Eine Gegenüberstellung von Pest und Terrorismus

Dieser Exkurs liefert eine kurze Gegenüberstellung der beiden Phänomene Pest und Terrorismus und befasst sich auch mit entsprechenden Reaktionen der Bevölkerung und staatlicher Institutionen auf diese Bedrohungen.

In beiden Fällen spielt die potenzielle Angst vor einer allgemein bekannten Gefahr eine entscheidende Rolle für die Rechtfertigung aufgezwungener Machtmittel und beide Phänomene werden zur Legitimation einer umfassenden Überwachung genutzt. Hier sollen nun sowohl Überschneidungen als auch Abweichungen kurz erörtert werden.

 

Bereits im ausgehenden Mittelalter führte die Bekämpfung des Schwarzen Todes in Europa zur totalen Erfassung und Überwachung aller Individuen in einem von der Seuche betroffenen Gebiet durch den Staat. Im Zuge dessen entstand somit bereits zu jener Zeit ein präzises Überwachungsnetz, das kleinste Ordnungswidrigkeiten anprangerte. Auf diese Weise entstand im Laufe der Pestjahre ein bürokratischer Machtapparat, der die europäische Bevölkerung zunehmend kontrollieren sollte, indem er ihre Handlungen vorhersehbar und berechenbar machte.

Eine der ersten Maßnahmen seitens der Regierung zur Aufrechterhaltung der Ordnung während der Pestzeit war die Ausstellung von Gesundheitspässen. Alle Bürger, die von einem Ort zum anderen reisten, mussten mit diesen Ausweisen ihren Gesundheitszustand nachweisen. Diese Sicherheitsmaßnahme sollte vordergründig der Reduzierung von Ansteckungsgefahr durch Reisende dienen, hatte jedoch nur selten Erfolg.

Eine weitere behördliche Maßnahme während der Seuchenausbrüche des Mittelalters bestand in der Durchsuchung von Häusern pestkranker Bürger. Dabei sollten vor allem pestverseuchte Gegenstände vernichtet, bzw. gereinigt werden, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Gleichzeitig war diese Säuberung jedoch auch mit einer illegitimen Bereicherung der Aufseher verbunden, die sich an den Habseligkeiten der Erkrankten bedienten.

Diese Observation hatte massive Einschnitte in die Privatsphäre aller betroffenen Menschen zur Folge. Daher ist es legitim zu sagen, dass der Kampf gegen die Pest mit dem Preis der individuellen Freiheit bezahlt wurde.

 

Im Bezug auf den heutigen Kampf gegen den Terrorismus bestehen durchaus Parallelen zu der damaligen Vorgehensweise:

Entsprechend den mittelalterlichen Gesundheitspässen wird bei heutiger Überschreitung bestimmter territorialer Grenzen beispielsweise auf biometrische Datenerfassung zurückgegriffen, um die Gefahr von Terrorismus, bzw. allgemeiner Kriminalität zu reduzieren. Dabei müssen die Reisenden aus Sicherheitsgründen auch heute eine Art Gesundheitspass vorzeigen – den Biometrischen Reisepass. Somit findet auch heute eine flächendeckende Überwachung der Reisenden statt.

Auch die Vorgehensweise der Durchsuchung von Privateigentum verdächtiger Personen, die sich bis in die Zeiten der mittelalterlichen Pest zurückzuführen lässt, findet heute noch in abgewandelter Form durch die Polizei oder Geheimdienste Anwendung. Auch heute wird mithilfe eines Durchsuchungsbefehls das jeweilige Haus durchstöbert und verdächtige Gegenstände vernichtet, bzw. beschlagnahmt.

Trotz dieser offensichtlichen Gemeinsamkeiten, besteht der gravierendste Unterschied zwischen dem Vorgehen bei der Bekämpfung der Pest und des Terrorismus in dem Ausmaß der Überwachung. Heutige Überwachung ist, entsprechend der zu bekämpfenden Gefahr des Terrorismus, nicht mehr lokal begrenzt, sondern hat globale Ausmaße erreicht. Sie ist damit allumfassender und unausweichlicher für den Einzelnen geworden.
Doch obwohl die Tendenz der dauerhaften Überwachung zunimmt, werden heutige Überwachungspraktiken im Vergleich zu früher von den Bürgern weniger direkt wahrgenommen.

Klares Indiz der damaligen Überwachung war ihre Sichtbarkeit (z.B. verstärkte Präsenz von Aufsehern und direkte Hausdurchsuchungen bei kleinstem Verdacht).

Die Raffinesse heutiger Überwachung besteht hingegen gerade in ihrer Unsichtbarkeit. In der heutigen Zeit wird bei einem Verdacht auf Terrorismus nicht direkt eingegriffen, sondern über eine unbestimmte Zeit ‚verdeckt‘ überwacht, bevor es eventuell zu einem offensichtlichen Eingreifen kommt. Gerade dieser eklatante Unterschied könnte erklären, warum die von der mittelalterlichen Überwachung betroffenen Menschen viel stärker ihren Widerwillen gegen die staatlichen Eingriffe in ihr Privatleben zum Ausdruck brachten, als dies heute der Fall ist.

Hinzu kam jedoch auch, dass mittelalterliche Überwachung keine spürbaren Erfolge im Bezug auf die Bekämpfung der Pest verzeichnete und somit die Unzufriedenheit im Volk zusätzlich schürte. Auch dieses Moment fehlt in heutiger Zeit. Da der heutige Bürger nicht mehr über das wahre Ausmaß der Überwachung informiert wird erscheinen wenige Einzelerfolge als große Leistung der Überwachung und der Bevölkerung wird Effektivität suggeriert. Dabei sichert die Angst vor Chaos zusätzlich den Fortbestand eines umfassenden Überwachungssystems.

 

Literatur

 

Beresford, Alastair R.; Kübler, Dorothea; Preibusch, Sören (2011): Unwillingness to pay for privacy. A field experiment. In: econstor (10), S. 1–10. http://ftp.iza.org/dp5017.pdf (Letzter Zugriff: 22.02.2014)

Biermann, Kai: 2013. Warum protestieren wir nicht, wir Schafe? Zeit Online, 14. November; http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-11/ueberwachung-protest-twitter-wirschafe (Letzter Zugriff: 13.12.2013)

Foucault, Michel (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Naphy, William G.; Spicer, Andrew (2006): Der schwarze Tod. Die Pest in Europa. Essen: Magnus-Verl.

Seemann, Michael: 2013. Die Privatsphären-Falle. Zeit Online, 09. Oktober; . http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-10/privatsphaere-ueberwachung-nsa-seemann (Letzter Zugriff: 04.12.2013)

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