The inner Revolution doesn’t come with Fries!

Der Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han beschreibt in einem gleichnamigen Artikel der SZ, „Warum heute keine Revolution möglich ist“ (http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256).

Zu Beginn bezieht er sich auf die Arbeit seines Kapitalismuskritikerkollegen Antonio Negri. Der italienische Politikwissenschaftler geht davon aus, dass eine (kommunistische) Revolution noch immer möglich sei, wenn sich die Masse (bzw. moderner „Multitude“) zusammenschlösse – was Negri zu Folge dank der breiten Breitbandvernetzung heute höhere Chancen denn je erfahre.

Negri war in den 70ern Teil der sozialistischen Autonomia-Bewegung, die den Klassenkampf aus den Fabriken auf die gesamte Gesellschaft projizieren wollte. Wie viele seiner Kollegen wurde er vom damals repressiven italienischen Staat verhaftet, doch noch immer glaubt er an die Revolution.

Han sieht hingegen im neoliberalen System keine Möglichkeit einer Revolution, bzw. schreibt, dass sie nicht mehr möglich sei, obwohl doch die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe. Das liegt Han zu Folge an der hohen Stabilität des neoliberalen Herrschaftssystems.

Dazu unterscheidet er die (oft gewaltsame) Macht, die ein Herrschaftssystem zum Einsatz bringt von der „das System nach innen hin stabilisierenden Macht“.  Während Disziplinar- und Industriegesellschaften nach innen repressiv handelten (und damit Möglichkeiten des Widerstandes einschlossen), sei im neoliberalen Herrschaftssystem diese Macht seduktiv, verführend. Hier gibt es kein konkretes Feindbild (wie noch etwa Thatcher eines war), sondern jeder Arbeitnehmer wird zum „freien Unternehmer“, der sich selbst ausbeutet, seine Zeit und Arbeitskraft scheinbar frei optimiert und auf dem scheinbar freien Markt anbietet. So verwandle sich der Klassenkampf zu einem Kampf mit dem selbst, das eigene Scheitern werde auf das Selbst und nicht die Gesellschaft projiziert.

Anders formuliert: der postmoderne Arbeiter wird nicht mehr direkt ausgebeutet, sondern zur Selbstausbeutung angeregt – und für die effiziente Selbstausbeutung vom System belohnt (zumindest im sog. Westen).

„Ineffizient ist jene disziplinarische Macht, die mit einem großen Kraftaufwand Menschen gewaltsam in ein Korsett von Geboten und Verboten einzwängt. Wesentlich effizienter ist die Machttechnik, die dafür sorgt, dass sich Menschen von sich aus dem Herrschaftszusammenhang unterordnen“, schreibt Han.

Mit der Selbstausbeutung gehe auch die Selbstausleuchtung einher, d.h. wurde früher noch gegen die Volkszählung protestiert (Angaben zu Beruf und Schulabschluss), wird dies heute mehr als bereitwillig selbst getan. Und unrecht hat er damit wohl nicht: Profile auf Facebook, Xing usw. gelten heute schon in vielen Bereichen als eine Art Vorbewerbung, sich einem Unternehmen dienlich zu machen – und nicht wenige ehemals eifernde Schüler, Studenten und Auszubildende entfernen peinlich berührt schnell die Partybilder und geteilten linksangehauchten Links, sobald die jeweilige Form der Ausbildung beendet und die Zeit der Selbstausbeutung eingetreten ist, um potentielle Arbeitgeber nicht zu verscheuchen. Man muss eben als selbstausbeuterischer Unternehmer seiner Arbeitskraft schauen, wo man bleibt.

Das Regime ist also so stabil, „weil es von der Freiheit Gebrauch macht (…) Die Unterdrückung der Freiheit provoziert schnell Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht.“

Die äußere, oft gewaltsame Macht zur Einführung des Systems besteht daneben teils auch weiterhin, der Autor nennt als Beispiel seine Heimat Südkorea, die nach der Asienkrise kurz vor der Jahrtausendwende hohe Schulden beim IWF aufnahm und im Gegenzug das neoliberale Wirtschaftssystem gewaltsam durchdrückte. Doch während die äußere auf solche Gelegenheiten angewiesen ist, wird die nach innen stabilisierende Macht längerfristig stabilisiert: in Südkorea gibt es kaum Proteste, stattdessen ein hoher Konformismus, hohe Depressions- und Burn-Out-Raten, wie auch die höchste Suizidrate der Welt. „Die Aggression nach außen, die eine Revolution zur Folge hätte, weicht einer Selbstaggression“, so der Autor.

Was Han hier beschreibt ist im Prinzip eine Weiterführung des altsozialistischen Entfremdungsgedankens: man entfremdet sich nicht nur von der Arbeit, sondern auch von sich selbst, in dem man das Selbst der Verwertbarkeit unterordnet (auch wenn Han schreibt, dass man sich nicht mehr von der Arbeit entfremde, weil man sich voller Euphorie in den Burn-Out stürze; doch entfremdet vom ursprünglichen Arbeitsgedankens des Ernährens ist die Welt natürlich nach wie vor! Und die hohen Kosten für Individuen wie für die Umwelt, die dadurch entstehen, dass im Supermarkt immer alle Waren vorzufinden sind, also im Endeffekt die Gesellschaft auf die Jahreszeiten und lokalen Bedingungen scheißt, sollte man sich einmal überlegen: wie z.B. die Banane unter fragwürdigen Bedingungen geerntet durch halb Südamerika in LKWs befördert, auf Containerschiffe verfrachtet wird, in denen sie den gesamten eigentlich unvorstellbar riesigen Atlantik überquert, um schließlich wieder in LKWs verladen durch Europa befördert und in die nächstliegende Aldi-Filiale aufgefüllt wird; und die Hälfte wird natürlich weggeschmissen).

Nebenbei: Entfremdung sorgt immer für Angst. Mit der Selbstentfremdung einher geht in unserer Welt meiner Meinung auch die Angst vor dem wirklichen Selbst. Han schreibt weiter, dass es durch die Selbstausbeutung keine Multitude im Sinne Negris gebe, sondern im Gegensatz eine Solitude, so dass die Arbeitnehmer nicht mehr gemeinsam, sondern nur noch für sich selbst kämpfen. Überträgt man dies auf den Angstgedanken und schaut sich die Gesellschaft an, so scheint damit einhergehend auch die Angst vor dem Fremden weiter zuzunehmen: neue (höchst dumme) Feindbilder wie der böse Moslem (bzw. das Presse-Hirngespinst des „Islamisten“) und neuerdings mal wieder der gute alte böse Russe sind weit verbreitet, bis hinein in Tatort-Folgen und die Tagesschau (von Bild, SPIEGEL und anderen Quatschprintmedien ganz zu schweigen). Gleichzeitig schreiben Partnervermittlungen und Smartphone-Apps nach ähnlichem Prinzip immer bessere Zahlen, weil sich die Leute immer weniger trauen, sich gegenseitig anzusprechen. Die Selbstoptimierer entfernen sich also grob gesagt von sich selbst wie auch den Anderen, was Angst vor dem Selbst wie auch dem Anderen erzeugt.

Auch auf die Sharing-Ökonomie geht Han ein und bescheinigt ihr statt einer Lösung die Verschärfung der Problematik: am Sharing können arme Menschen nicht teilhaben, und auch das (eigentlich hoffentlich noch in einigen Freundeskreisen alltägliche) Teilen werde durch die Sharing-Plattformen kapitalisiert und die Freundlichkeit mit Sternchen bewertet.

Am Ende seines Abgesangs auf die Revolution schreibt  Byung-Chul Han: „Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft. Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution“. Das alte Beispiel der Che Guevara T-Shirts aus Sweatshops in Bangladesch fällt einem gleich wieder ein.

Und mir noch das Lied, das die Unmöglichkeit einer Revolution ebenso beschreibt, nur im Kunstsinne der Ironie gepaart mit Soulmusik, um die Absurdität zu beschreiben: https://www.youtube.com/watch?v=4qUdLz4VWpo

The Revolution will be televised! Würde es eine äußere Revolution wie die bekannten Beispiele (wobei die französische wie auch die amerikanische bei genauerer Betrachtung jede Menge Fragwürdigkeiten aufweisen) geben, so würde diese vom Markt verschluckt, verkauft, von den Medien ausgeschlachtet, eben “televised”.

 

Was aber der Artikel Byung-Chul Hans wie das Lied Smooves nicht ansprechen, jedoch latent offenhalten, ist eine Revolution des Inneren!

Zunächst: diese kommt nicht mit Beilage, nicht mit Fritten, wie im Lied von Smoove! Da der Kapitalismus seine schärfsten Kritiker nicht bestraft, sondern reich macht, da man die Gallionsfiguren leicht auf T-Shirts drucken kann, muss die neue, innere Revolution, ohne Gesichter und Symbolik auskommen, die allzu leicht korrumpiert oder ausverkauft werden können! Sie muss im Innern von statten gehen, ähnlich wie die Ideologie des Faceless-Techno in den Neunzigern ohne Gesichter auskommen.

Dies ist nicht leicht, wie das Lied „Ölsardinenindustrie“ von Danger Dan beschreibt: https://www.youtube.com/watch?v=-O4AJVd6ZFE, die Verlockungen und die Ablenkungsmöglichkeiten sind groß, das eigene Schicksal schwierig genug zu meistern (eine ausgiebige Rezension des Stückes folgt irgendwann…).

Aber eben aufgrund dieser Problematik muss ein Austausch stattfinden, ohne große Symbolik und Gesichter, aber zur gegenseitigen Unterstützung. Welchem kritischen Menschen hat es nicht geholfen, von anderen zu lesen, die ähnlich dachten? Die Möglichkeiten des Austauschs sind gegeben. Ich mach mal:

Die innere Revolution ist im Grunde die der Liebe und der Empathie! Für sie ist Liebe im eigenen Leben wichtig als Motor (den Geliebte und Liebende Menschen brauchen nicht viel zu konsumieren), die Empathie für Bekannte wie Fremde entscheidend, um Willens zu sein, an sich und seiner Einstellung zu arbeiten! Denn jeder kann die Selbstausbeutung erkennen, jeder weiß im Grunde, sofern er wenigstens ab und an seine Empathie schult, dass es dem Selbst nicht wirklich gut gehen kann, solange es immer mehr Menschen schlecht geht! Empathie und Liebe sind das emotionale Band, das uns mit allen Mitmenschen verbindet (auch mit Tieren, der Sauerstoff-/ Kohlenstoffaustausch verbindet uns mit den Pflanzen, unsere sämtlichen Körperfunktionen mit dem Kreislauf des ganzen Planeten usw.usf.).

Die Selbstausbeutung rührt von einem Mangel her, die Industrie verspricht in Werbespots, dass wir durch den Kauf sinnloser Luxusprodukte diesen Mangel beseitigen könnten; z.B. in dem es glückliche Familien zeigt, die Nestlé-Produkte essen und Mercedes fahren, alle schön, leicht gebräunt, gesund und stets gut gelaunt wirkend. Und auch die Menschen die behaupten, sie würden keine Werbung sehen, bleiben nicht von der ständigen Bombardierung durch diese Lüge verschont.

Für die innere Revolution ist also ein Kampf gegen die Lüge nötig! Ein Kampf gegen den die alten Religionen ablösenden Glauben, Bereicherung mache glücklich, jeder stehe für sich selbst, und um uns zu bereichern müssten wir zuerst schuften, schuften, schuften. Und dann irgendwann seien wir glücklich, wenn wir uns dieses Auto, dieses Handy, dieses Eigenheim, diese Ferienwohnung leisten könnten! Wir müssen in uns gegen das Prospekt ankämpfen, dass uns permanent zugeschickt wird! Nur so, nur wenn wir die künstlich erschaffenen Bedürfnisse erkennen und uns auf unsere tatsächlichen Bedürfnisse konzentrieren, ist eine Revolution möglich.

Und ich spreche nicht vom Steinzeitleben! Eine warme Dusche, ein Dach über dem Kopf, Heizung im Winter, Ofen, selbst Spülmaschine usw. sind sinnvolle Entwicklungen – und im Prinzip für jeden Menschen auf der Welt bereitstellbar. Doch der heutige technische Fortschritt geht viel weiter darüber hinaus, erschafft Unnötiges und immer mehr, die Menschen beschäftigen sich nicht mehr mit der Frage, wie sie die Gesellschaft und das Zusammenleben eigentlich haben wollen, wie sie glücklich werden, sondern nur noch mit mehr und weiter, mit Details, dem nächstkleineren Mikrochip, der nächsten App. Daraus lässt sich Geld erwirtschaften, ja, und Geld kann eine Gesellschaft ernähren, aber eben nur, wenn sich gewinnbringend verkaufen lässt, also die Produktpalette für den kleinen „West“-Teil groß bleibt, also die Produktionskosten niedrig sind, also die seltenen Erden billig irgendwo abgebaut werden können, die Nahrung billig eingekauft etc. Und weiter bringt uns das nicht. Geisteswissenschaften sterben aus, zugunsten von BWL und Maschinenbau (keine per se schlechten Wissenschaften, aber doch wohl nicht alles, über das man sich als Menschheit Gedanken machen sollte, oder?). Die Frage nach dem möglichst glücklichen Zusammenleben wird kaum noch gestellt, weil dies ja scheinbar die Wirtschaft beantwortet hat. Absurd eigentlich: man verabschiedet sich von der Religion, weil die eine zu einfache Erklärung der Frage nach unserer Herkunft usw. gab, aber man nimmt dann den Glauben an die allmächtige Wirtschaft an, die über unsere Zufriedenheit bestimmen soll und für deren Wohl jeder Staat und jeder Politiker kämpfen müsse, es sei schließlich „alternativlos“. Es ist, als würde man behaupten, das Weltbild der Erde als Scheibe im Zentrum des Sonnensystems sei alternativlos!

Aber wenn man anfängt von Liebe zu sprechen dann wird einem vorgeworfen, man sei esoterisch. Ist aber der Glaube an eine allmächtige Wirtschaft und an die Alternativlosigkeit zu unserer derzeitigen Organisation nicht esoterisch? Der Glaube an eine vermeintliche Demokratie, die eigentlich von Lobbyisten bestimmt wird (40.000 Lobbyisten leben in Brüssel, wo die EU-Gesetze verabschiedet werden. 40.000 auf 751 Europaparlamentarier!)?

Die Welt ist so, wie wir sie uns erschaffen! Um etwas anders zu machen, etwas an der Organisation des Zusammenlebens zu ändern (und nichts weiter ist eine Revolution), müssen wir unsere Kräfte im Innern bündeln.

Das ist nicht immer leicht, sicher, es gibt unzählige Verlockungen, Schwierigkeiten, dazu den Glauben Vieler, es sei nicht möglich, sich aus dem dummen Spiel herauszuhalten und eine Familie zu ernähren (was ich weder bestreiten kann noch will). Und dazu gibt es sehr viele Menschen, die sich für ein paar Schüsseln Reis am Tag in schrecklichste Arbeitsbedingungen quälen. Nicht nur müssen wir die uns umgebende Lüge im Innern bekämpfen, wir müssen den Weg auch für die mitgehen, die es nicht können! Und feststellen, was es wirklich braucht.

Neben materieller Grundversorgung z.B. Anerkennung, spielerisches Messen (nicht im bösartigen „Gewinner“/ „Verlierer“ Spiel der Wirtschaft, durch das ein Mensch für immer deprimiert und an den Boden gedrückt werden kann, sondern spielerisch, z.B. in Schach, Sport, meinetwegen auch Counterstrike oder was auch immer, aber eben spielerisch, wie der Hundekampf), Liebe, Verständnis. Und versuchen, sich so weit wie jeweils möglich aus dem blöden Spiel herauszuhalten, immer weiter! Wir müssen nur gemeinsam ein neues Gesellschaftsspiel entwickeln, uns innerlich befreien.

Eine solche Revolution ist immer möglich, egal wie eng die Ketten der sog. Freiheit!

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