Reproduktion der Gesellschaft durch das Individuum

Dieser kurze Beitrag stellt einen Versuch dar, einen Bruchteil der komplexen Systematik, die sich hinter dem unaufhörlichen gesellschaftlichen Wandel verbirgt, zu erklären. Dabei steht die Abhängigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung vom Individuum unter Zuhilfenahme von Bourdieus Begriff des Habitus im Vordergrund.

Alle Gewohnheiten, Vorlieben, Einstellungen und Verhaltensweisen eines Menschen manifestieren sich in seinem Habitus. Dieser kann stets auf das soziale Umfeld des jeweiligen Menschen zurückgeführt werden kann. Die Tatsache, dass Personen aus verschiedenen sozialen Schichten immer auch unterschiedlichen Sozialisations- und grundsätzlichen Lebensbedingungen unterliegen, führt dazu, dass ihr Verhalten stets in eine gesellschaftlich vorgegebene Richtung gelenkt wird. Die wahrgenommenen Lebensbedingungen und –Verhältnisse werden dabei vom jeweiligen Individuum verinnerlicht und weitergegeben. Dies erklärt, warum Schichtzugehörigkeit das jeweilige Verhalten stets in eine bestimmte Richtung lenkt und warum Kinder aus der Unterschicht seltener das Abitur machen, als Kinder aus der Oberschicht.

Allerdings werden schichtspezifische Handlungsvorgaben nie zu hundert Prozent befolgt. Menschliche Handlungen unterliegen zum einen kultureller und schichtspezifischer Abhängigkeit und zum anderen persönlicher und individueller Empfindung.

Mit anderen Worten ist jeder Mensch immer Zugehöriger zu einer bestimmten Schicht und zugleich Individuum.

Aufgrund seiner persönlichen Empfindungen des Wahrgenommenen unterscheiden sich also die Handlungen eines Menschen, der zu einer bestimmten sozialen Schicht gehört, immer zu einem gewissen Teil von denen seiner Mitmenschen.

In Folge von Reaktionen auf dieses von der Norm abweichende Verhalten werden wiederum stets die Handlungen und Gedanken anderer zur selben Schicht zugehöriger Menschen verändert.

Diese Veränderungen fließen wiederum in den Habitus des Menschen ein, der seine Umwelt durch seine Individualität verändert.

Dieser Prozess vollzieht sich permanent und kann als Kreislauf der Reproduktion der Gesellschaft durch das Individuum bezeichnet werden.

Literatur

Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.  Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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