Neoliberalismus und ‚neue Postmoderne‘ versus Glück und Gerechtigkeit

Große Erzählungen, gemeinsame Ideale, historische Anschlussfähigkeit sind angeblich in der Postmoderne abhanden gekommen. Eine Erzählung jedoch lebt: Die Erzählung des individuellen Erfolgs bildet einen strengen Rahmen der großartigen Möglichkeiten des Einzelnen. Sei/habe/mache was du willst sind nunmehr IMPERATIVE, keine freien Optionen mehr.

Es ist also unmöglich, der SOZIALEN ANERKENNUNG und WERTSCHÄTZUNG (immerwährenden Komponenten des privaten und gesellschaftlichen GLÜCKS) teilhaftig zu werden ohne:

  • Bedeutsames Sein (DJ, Baumpfleger, Musiker, Weltenretter, Veganer, Weltreisender)
  • Vielfaches Haben (Freunde, Güter, MÖGLICHKEITEN, ERFAHRUNGEN)
  • Dauerndes Machen (Sein durchs Tun: Sport,Offenheit, Aktivismus, Teil-Habe, Arbeits-Bereitschaft)

 

In allen drei Bereichen besteht ein großer Freiheitsgewinn gegenüber inhaltlichen Doktrinen frühererer Epochen: Kein SEIN scheint verboten, kein HABEN das Wertvollste, kein TUN ist obligatorisch – Wir sind frei, dem zu folgen, was wir wirklich SELBER wollen.

Selbstbestimmung ist ein Motor des universellen Anspruches der POSITIONIERUNG (evtl. BEIDE Richtungen): In der Vielfalt der Möglichkeiten ist die Nicht-Wahl zum Tabu geworden – Bestimme dich selbst! Beziehe eine Stellung, fast egal, worin. Deinem Sein als Unternehmer oder als Gärtner steht nichts im Wege. Das Teil-Haben an Aktien oder Kunstsammlungen oder Vereinen aller Art findet Kreise der Anerkennung. Dein Tun als Demonstrant, als Spekulant, als Sportler oder als Aussteiger ist gut, denn alles ist gut und interessant, solange man es ERFOLGREICH betreibt.

Es gilt, eine MEINUNG zu haben und sich erfolgreich zu verhalten. Damit geschieht Selbstbestimmung durch die Positionierung in einzelnen Mikrokosmen des Seins, Habens und Machens. Wir sind Rosinen-Picker und Puzzle-Künstler, Kreateure unseres SELBST, ohne Welt. Alles Äußere zählt nur als Adressat persönlicher Wünsche, als Funktion für den Erfolg. Hierin mag eine der unbewußt belastenden Glücksbremsen liegen: Wir spüren, dass persönliche Initiative und Darstellungskunst keiner Zusammengehörigkeit, keinem GEMEINSCHAFTSGEFÜHL zuträglich ist. Gibt es ein Boot, in dem wir alle sitzen? Was sind die GETEILTEN Ziele?

Unsere Zugriffe auf Ressourcen sind konsumistischer Natur. Die Welt als das Andere und Äußere ist uns nicht zugehörig, solange wir nur als Konsumenten und Produzenten angesprochen werden.

Man hüte sich also davor, keine Meinung, kein Haben, kein Machen an den Tag zu legen. Rückzug, Bescheidung und Kontemplation sind (noch) ungültige Verhaltensweisen in Zeiten der Beschleunigung, des projektbezogenen Aktionismus und des unternehmerischen Selbst.

Was aber sind die politischen Implikationen dieses strahlenden Individualismus’? Ist ein gutes Leben nicht immer auch ein gerechtes Leben? Gerechtigkeit ist eine absurd gewordene Phrase angesichts unbändiger Freiheiten wie Märkten, Gehältern, Monopolen, Verteilungen und Zugängen. Unser Zugriff auf die Verhältnisse der Vielen ist nur ein Ausblick. Wir werden nicht in Beziehung gesetzt, sondern nur in Kenntnis. Die Spürbarkeit unseres Zu-Tuns schrumpft drastisch mit der Höhe dieses Ausgucks: Wir beobachten alles, sehen aber keine Linie, außer diejenige des selbstbezogenen Erfolges einzelner Akteure. Gerechtigkeit ist Selbst-Gerechtigkeit, Quo vadis, Menschheit?

Noch nie waren wir so frei. Noch nie haben wir uns so machtlos gefühlt.

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