Neoliberalismus: Der Markt als übergeordnete Kontrollinstanz

Das politische Konzept des Neoliberalismus verbreitete sich auf globaler Ebene in den 1970er- und 1980er Jahren. Seine Wurzeln reichen über den US-amerikanischen Neoliberalismus der Chicago-Schule und den deutschen Nachkriegsliberalismus von 1948-62 bis zum klassischen Frühliberalismus des 18. Jahrhunderts zurück. Doch erst die Mischung aus abnehmenden Wachstumsraten, steigenden Sozialausgaben, neuen Managementstrategien und Globalisierungstendenzen in den 1970er Jahren führte zur Ausbildung der heute vorherrschenden neoliberalen Politik. Insbesondere seit der Ära Margaret Thatcher´s in Großbritannien 1979 und Ronald Reagan´s in den USA 1981, wurden neoliberale Maximen schließlich vehement umgesetzt. Doch was ist der Neoliberalismus überhaupt?

In seinen Untersuchungen arbeitet Foucault insbesondere zwei Unterscheidungskriterien gegenüber dem Frühliberalismus heraus: die

Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Ökonomie“ und die „Differenz der Grundlage des Regierens“ (Bröckling, Krasmann, Lemke 2000: 15).

Demnach wird der absolutistische Staat des Frühliberalismus zunehmend aus seiner regulierenden und überwachenden Position zugunsten des selbstregulierenden Marktes verdrängt, wobei Wettbewerb als treibende Kraft fungiert. Entsprechend dieser Veränderung des Verhältnisses handelt es sich beim Neoliberalismus in klarer Abgrenzung zum klassischen Liberalismus

„eher um einen Staat unter Kontrolle des Marktes als um einen Markt unter Aufsicht des Staates“ (Lemke 1997: 241).

Zudem sieht Foucault die Voraussetzung einer rationalen Regierung, nicht mehr in der natürlich vorhandenen marktunabhängigen Freiheit des Individuums, sondern findet sie in der künstlich arrangierten Freiheit, die sich im unternehmerischen Verhalten ökonomisch-rationaler Individuen widerspiegelt.

Diesen Veränderungen entsprechend wurden im Zuge des Neoliberalismus vehement Regierungsprogramme mit dem Fokus auf ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes und individuell frei wählbares Leben geschaffen, die entsprechende Maximen in die alltäglichen Denk- und Handlungsweisen der Individuen integrieren sollten. Mithilfe von

„neoliberalen Selbsttechnologien“ (Bröckling, Krasmann, Lemke 2000: 31)

sollte das Subjekt somit zum einen den Marktkräften ausgeliefert, und zum anderen selbst für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Um dies zu gewährleisten, erkannten regierende Autoritäten die Notwendigkeit, nicht mehr auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit beruhende Kontrollmechanismen einzusetzen. Im Bereich der Arbeit waren fortan nicht mehr autoritärer Führungsstil, sondern unter anderem Empowerment, Beratungs-, Belohnungs- und Konkurrenzmechanismen ausschlaggebend für eine effektive Arbeitsleistung.

Die veränderten Marktbedingungen leiteten seit den 70er- und 80er-Jahren eine historische Wende ein, die in der Forschung retroperspektiv als Übergang vom Fordismus zum Postfordismus[1] – von der Massenproduktion zur flexiblen Spezialisation, vom Massenkonsum zum individualisierten und diversifizierten Konsumverhalten – bezeichnet wird. Flexibilität, Mobilität, Individualität und Schnelligkeit wurden zu propagierten Maximen und stellten fortan neue Anforderungen an das Individuum.

Diese Entwicklungen vollzogen sich vor dem Hintergrund eines immer schärfer werdenden nationalen und globalen Wettbewerbs, der mit harten Preiskämpfen, kurzen Produktlebenszyklen und einer Verkürzung der Entwicklungszeit einherging. Stark beeinträchtigt durch diese Veränderungen zielten die neuen betrieblichen Reorganisationsprozesse primär auf drastischen Kostenabbau und Steigerung des Leistungsvolumens der Mitarbeiter durch Installation erweiterter Verantwortlichkeiten und Selbstorganisation ab. Zudem erhöhten neue Arbeitsansprüche und Massenarbeitslosigkeit auf Seiten der Arbeitnehmer, die Bereitschaft, sich gegenüber neuen Organisationsformen zu öffnen.

Die Allgegenwart digitaler Kommunikationsmedien und die lokale Ungebundenheit der Arbeitstätigkeit, verstärkte außerdem die fortschreitende Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatsphäre. Flexibilität, Mobilität und die Sicherung von Wettbewerbsvorteilen durch ständige Erreichbarkeit, Transparenz und Zurschaustellung privater Informationen innerhalb digitaler Kommunikationskanäle wurden dabei weiter verstärkt.

[1] Um die „Symbiose [aus] Hochkapitalismus und Technizismus […] seit den 1920er Jahren in den Vereinigten Staaten“ (Reckwitz 2011: 138) zu fassen, formulierte Antonio Gramsci den Begriff des Fordismus. Im Zuge veränderter Produktionsbedingungen und der Einstellung einer flexiblen Spezialisierung im Bereich der Arbeitsorganisation seit den 1970er- und 80er-Jahren prägten insbesondere marxistische Autoren schließlich den Begriff des Postfordismus. (ebd.) Bauman bezeichnet den Fordismus unter anderem aufgrund seiner starren, streng reglementierten und kontrollierten Strukturen als schweren und den Postfordismus unter anderem aufgrund seiner Flexibilität und Mobilität fördernden Strukturen als leichten Kapitalismus (2003: 68 ff.).

 

Literatur

Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (2000): Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7–40.

Bröckling, Ulrich (2000): Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, 131-167. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Foucault, Michel; Sennelart, Michel; Schröder, Jürgen (2004): Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collége de France 1978-1979. Frankfurt: Suhrkamp.

Foucault, Michel; Defert, Daniel; Ewald, François; Lemke, Thomas (2005): Analytik der Macht. 1. Aufl., Originalausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lemke, Thomas (1997): Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität. Berlin: Argument Verlag.

Miller, Peter; Rose, Nikolas (2008): Governing the Present. Administering Economic, Social and Personal life. Cambridge: Polity Press.

Power, Michael (1997): The audit society. Rituals of verification. Oxford, New York: Oxford University Press.

Rose, Nikolas (2000): Tod des Sozialen? Eine Neubestimmung der Grenzen des Regierens. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 72–109.

Thom, Norbert; Müller, Renato C. (2012): Innovationsmanagement in KMU. Erkenntnisse aus einer explorativen Studie. In: Reto Steiner und Adrian Ritz (Hg.): Personal führen und Organisationen gestalten. Unter Mitarbeit von Norbert Thom. 1. Aufl. Bern [u.a.]: Haupt, S. 97–111.

Voß, Günter G.; Pongratz, Hans J. (1998): Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie & Sozialpsychologie (Vol.50, No.1), S. 131–158.

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