Mikrozensus

 

Mikrozensus

Ich wurde auserwählt! I am the 1% … meines Bundeslandes. Ich darf den Apparat mit Daten füttern. „Mikrozensus 2013“ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.

Nachdem ich ein paar Wochen lang jegliche Post diesbezüglich ignorierte, kam nun ein Brief in etwas anderer Tonlage; dazu mit interessantem Aufbau.

Zunächst wurde die Wichtigkeit der Erhebung für “ [1] eine rationale Politik, [2] die Wissenschaft – und auch  [3] die Wirtschaft“ in jenem Wortlaut betont.

[1] Nun, gäbe es eine „rationale Politik“, bräuchte es überhaupt keine Politik mehr. Soll heißen: gäbe es den einen vernünftigen Weg, wozu dann Parteien, Streit, Demokratie? Aber das scheinen sich die Deutschen wohl schon recht lange zu fragen: 16 Jahre Kohl, bald 12 Jahre Merkel, ein Großteil der Wähler für eine große Koalition in der Bundestagswahl 2013. Weil die „anpackt ohne zu diskutieren“. Nun, ein Despot packt auch an ohne zu diskutieren… Bei einer Koalition ist das schon schwieriger, die „packt an“ wenn gerade Fußball Welt- oder Europameisterschaften stattfinden oder es auf Weihnachten zugeht. Das Mikrozensusgesetz von 2005 wurde am 14.12.2012 geändert: es wurde beschlossen, dass die Daten der Erhebung an Dritte weitergegeben werden dürfen. Die Bundestagsdebatte hierzu fand am 28. Juni 2012 statt, während des EM-Halbfinalspieles Deutschland gegen Italien. Die „Dritten“ sind dann also Punkt zwei und drei der ersten Briefhälfte, Wissenschaft „- und auch Wirtschaft“.

[2] Die Wissenschaft. Sicher, bestimmte Disziplinen wie etwa die Soziologie sind tatsächlich auf Datenerhebungen angewiesen. Wenn es dann aber um Theorien geht, um Perspektiven, aus denen die Datenkugeln zu betrachten sind, dann dominieren (in- wie außerhalb der Wissenschaft) diejenigen, welche komfortabel für…na?…die gute liebe Wirtschaft sind (bei der Soziologie z.B. „Rational Choice“).

[3] Also zum letzten Punkt. Natürlich letztgenannt, als wäre es ein Zusatz, ein Grund unter vielen. Betont noch durch einen Gedankenstrich und das Wörtchen „auch“. Dabei müssten die Verfasser doch wissen, dass in unserer propagandaüberfluteten Welt (euphemistisch: werbeüberflutet) jeder instinktiv nicht mehr die (ohnehin meist schwachsinnige) Argumentation nachverfolgt, sondern sich als erstes mit dem Endprodukt, also dem, was hinten steht, auseinandersetzt. Reine Information, wurscht in welchem Kontext. Das Facebook-Prinzip. So als ob der erste Teil eines Satzes Sinn machte, wenn in der Mitte ein „aber“ steht.  Nur das nach dem „aber“ zählt. Das Mikrozensus-Prinzip. Einteilung der vermeintlich heterogenen Gesellschaft in abgesteckte Zielgruppen. Allem voran die Erfassung der finanziellen Situation, der potentiellen finanziellen Situation v.a. bei Jüngeren („Fortbildungsmaßnahmen“, „Weiterbildung“), Gesundheit v.a. bei Älteren. Zielgruppen, denen man das angepasste Lifestyle-Produkt verkaufen kann. Der Mikrozensus beantwortet für die Wirtschaft folgende – stark heruntergebrochene – Frage: Wie viele Discount-, Bio- und Luxusprodukte können wir verkaufen, also wie groß sind Unter-, Mittel- und Oberschicht? Natürlich auch innere Gliederungen, weit detaillierter als ich das hier zusammenfasse. Aber das ist letzten Endes die zentrale Frage des Mikrozensus.

Der Brief appellierte also in der ersten Hälfte an meine Vernunft, das hatte nicht funktioniert, da meine Vernunft sich verbal ganz gut wehren konnte. Aber auch hier folgt etwas nach dem „aber“, nämlich der Hinweis, dass es für die Beantwortung der „meisten Fragen“ einen gesetzlichen Zwang gab, sowie eine Anschlussformulierung: man hoffe und glaube auch nicht, dass es soweit komme, aber falls einer der 1% nicht bis zu XY antworte, so seien Geldstrafen in absurder Höhe sowie in letzter Konsequenz auch Freiheitsentzug möglich. Freiheitsentzug! Beantwortung persönlicher Fragen für die Wirtschaft gesetzlich vorgeschrieben! Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen (oder kann es nachlesen: http://www.gesetze-im-internet.de/mzg_2005/BJNR135000004.html).

Und die Drohung funktionierte: Zwar füllte ich nicht den endlosen Bogen aus, aber rief bei der „Stati“ (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) an und ließ mir unter kleinlautem Protest die gesetzlich vorgeschriebenen Fragen stellen: Monatliches Einkommen, Wohnsituation, Krankenversicherung, Rentenversicherung, staatliche Transferleistungen, Staatsbürgerschaft, Wie viel arbeiten Sie in der Woche?, Würden Sie für mehr Geld mehr arbeiten? Warum nicht? Für wie viel wie viel mehr? Förderprogramme, Schulabschluss… – „‘Welcher Schicht gehörst du an und welcher wirst oder willst du einmal angehören?‘ hätten Sie auch fragen können“ war mein erwähnter kleinlauter Protest. Freiwillige Fragen, die ich noch hätte beantworten können, sind u.a. die nach der sexuellen Orientierung, Religionszugehörigkeit, Gesundheitszustand der letzten Jahre inklusive Arztbesuche, Alkohol- und Tabakkonsum, Größe, Gewicht… Im Zusammenhang mit der Auswahl der Fragen lohnt es sich, Michel Foucaults Begriff der „Biomacht“ nachzuschlagen. Nun, jedenfalls gehe ich sogar davon aus, dass der Auserwähltenstatus gepaart mit dem Hinweis, der Zirkel aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, der die Daten nutze, tue das schon zum Vorteil der Bevölkerung und nicht zu ihrem eigenen, einen nicht unerheblichen Anteil an Menschen dazu bringt, selbst die freiwilligen Fragen zu beantworten. Proteste gab es kaum bis keine, jedenfalls habe ich, bis der Brief in mein Haus kam, nichts Bemerkenswertes darüber gehört. Ähnlich kleinlaute Proteste wie den meinen vielleicht im Vorfeld, mehr nicht.

Immerhin, die Wirtschafts-Stati zusammen mit ihren Unterorganisationen Politik und Wissenschaft braucht keine Gewalt mehr. Die wenigen Skeptiker kuschen vor der Androhung einer Geldstrafe, der Rest schmeißt sich bereitwillig auf die OP-Liege und lässt sich zergliedern (siehe auch Facebook).

Und das ist noch nicht einmal der kühle Hauch einer Eisbergspitze. Die Frage, wie und wo denn diese tollen Discount-, Bio- und Luxusprodukte produziert werden, steht offen im Raum. Und wird täglich aufs Neue verdrängt. Hier steht sie nach dem „aber“.

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