Macht und Kontrolle durch Überwachung

Macht und Kontrolle sind die wichtigsten Ziele, die durch Überwachung erreicht werden sollen. Ihre rigorose Verfolgung durch die agierenden Akteure hat Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft. Laut der Definition Webers

„bedeutet [Macht] jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“                       (Weber, Winckelmann 2002: 28)

Entsprechend der Definition ist Macht sehr eng mit Kontrolle verbunden, denn ihre Hauptfunktion besteht gerade im Kontrollieren von Handlungen.

Im Allgemeinen stellt Überwachung ein effektives Instrument zur Machtentfaltung durch Wissensakkumulation dar, denn dieses gesammelte Wissen ermöglicht den Überwachern Handlungen, die ohne diese Erkenntnisse nicht möglich wären.

Zukünftiges Verhalten von Überwachten kann somit kontrolliert bzw. manipuliert werden, sodass Überwacher die Macht besitzen, entsprechend ihrer Intentionen, effizient zu agieren.

Dabei baut Wissen immer auf bereits existierenden Erkenntnissen auf und produziert somit immer weitreichendere Handlungsmöglichkeiten.

 

Im Digitalen Informationszeitalter werden verstärkt Daten über Individuen produziert und ihre Speicherung und Nutzung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dies ist wiederum mit Macht gekoppelt, denn so geschaffene Datenarchive klassifiziert Whitaker richtigerweise als

„eine der Produktion und Verfügung über Waren analoge Machtressoruce.“ (1999: 157)

Kontrolle ist überall dort möglich, wo die Überwachung ein potentielles Eingreifen des Überwachers und somit die Durchsetzung seines Willens zulässt und dies gleichzeitig an den Überwachten suggeriert. Der Bewusstseinsgrad ist hier entscheidend. In der Praxis bedeutet dies, dass eine versteckte Überwachungskamera zwar zur Bestrafung bei Regelverstößen, aber nicht zur Kontrolle der Handlungen führt, da sich die Menschen der potentiellen Überwachung und Bestrafung während ihrer Handlungen nicht bewusst sind.

Im Zuge des fortschreitenden Digitalen Informationszeitalters und der damit verbundenen wachsenden technischen Überwachung nimmt diese Möglichkeit des Eingreifens und Bestrafens fortwährend zu. Die davon ausgehende Erweiterung potenzieller Macht klassifiziert Baumann aufgrund ihrer momenthaft gewordenen Übermittlungszeit, die sich in der Geschwindigkeit elektronischer Signale verbreitet, als exterritorial. Als Konsequenz ist sie weder an den Raum gebunden, noch hindert dieser ihre Verbreitung. Insbesondere die Einführung des Handys hat die Loslösung der Raumgebundenheit angestoßen, welche im 21. Jh. durch den stetigen Ausbau digitaler Kanäle zunehmend zur Auflösung von territorialen Grenzen und Barrieren menschlichen Handelns führt. Die Ausbreitung der Macht ist in heutiger Zeit daher viel freier und in der gesamten Gesellschaft möglich. (Baumann 2003: 18 ff.)

Der steigende Bewusstseinsgrad der potentiellen Überwachung innerhalb der Gesellschaft durch diverse Enthüllungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, führt zu einer stärkeren Machtentfaltung von Überwachern über die Überwachten. Dabei wird mit geringen Mitteln eine Selbstdisziplinierung der Menschen herbeigeführt, denn der Einsatz von Gewalt ist nur in den seltensten Fällen notwendig. Die hier hervortretende panoptische Überwachungsstruktur beinhaltet somit eine effiziente und gleichzeitig kosteneinsparende Kontrollfunktion.

Doch wer genau über diese Macht verfügt, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Gerade diese Unüberschaubarkeit des Machtbesitzes ist im Digitalen Panopticum zentral geworden.

Vor allem hochrangige Beamte, Politiker und Unternehmensführungen von Großkonzernen verfügen über die potenzielle Macht viele gesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu manipulieren und somit Einfluss auf die Überwachung zu nehmen. Darüber hinaus besitzen Personen, die die Infrastruktur der modernen Technik und ihren Systemcharakter beeinflussen, immer stärker anwachsende potenzielle Macht. Außerdem zeigt sich, dass die Digitalisierung des menschlichen Lebens eine ganze Reihe von weiteren nebeneinander existierenden Akteuren hervorgebracht hat, die ein großes Interesse an Überwachung und Kontrolle haben.

Angesichts des hohen Komplexitätsgrades gesellschaftlicher Strukturen, ist es jedoch unmöglich einzelne Personen oder Institutionen zu benennen, die über die alleinige Macht verfügen. Viel eher muss von einem unüberschaubaren Geflecht aus Machtbeziehungen ausgegangen werden, welches sich stetig von Situation zu Situation neu definiert. Foucault fasst diesen Sachverhalt treffend zusammen, indem er sagt, dass sich die Disziplinarmacht zunehmend verselbstständigt, sodass niemand einen totalen Besitzanspruch auf sie erheben kann. Dies bedeutet jedoch keinen allgemeinen Machtverlust, sondern eine Machtvervielfältigung.

Innerhalb des heutigen Systems vollzieht sich eine hierarchisch abgestufte Machtausübung, bei der ausnahmslos alle Positionen einer übergeordneten, nicht klar identifizierbaren Machordnung unterworfen sind. Die Normen- und Regelbefolgung wird somit durch diesen Mechanismus zunehmend automatisiert. (Bentham 2013: 166)

Stellt man die Machtstruktur von Organisationen, Institutionen oder Gesellschaften in einer hierarchischen Pyramide dar, dann lässt sich eine Abstufung der Machtakkumulation erkennen, bei der die Spitze der Pyramide über die meisten, und der Boden über die wenigsten Machtressourcen verfügt. Jedoch muss bei dieser vereinfachten Darstellung berücksichtigt werden, dass zwischen all diesen Stufen ein Zusammenhang besteht, der zu einem gegenseitigen Stützmechanismus führt. Durch diese Verknüpfung ist die Spitze – wie jede andere Position auch – einer übergeordneten Machtmaschinerie unterworfen. Es entsteht ein reziprokes Machtgefüge, das die Selbsterhaltung des Systems begründet.

Hierbei sind die mittleren oder niedrigen Ebenen zwar der Macht der Spitze unterworfen, sie üben jedoch gleichsam Druck auf die Oberen aus, indem sie diese für die Aufrechterhaltung der Gesamtordnung zur Rechenschaft ziehen. Somit ist die Spitze genauso einer Selbstdisziplinierung unterworfen, wie alle anderen Positionen innerhalb des hierarchischen Machtgefüges. In letzter Konsequenz findet also eine Überwachung der Überwachung willen statt.

Somit scheint sich die heutige Gesellschaft dem Konstrukt der „Kontrollgesellschaft“ von Gilles Deleuze immer stärker anzunähern (1993).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Überwachung grundsätzlich als Kontrollmechanismus zur Sicherstellung der Machtordnung innerhalb der Gesellschaft fungiert. Sie ist ein Bindeglied zwischen Macht und Kontrolle, da sie das Kontrollieren von Handlungen erst ermöglicht.

 

Literatur

Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (2447).

Deleuze, Gilles (1993): Unterhandlungen, 1972-1990. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1778).

Gaycken, Sandro; Kurz, Constanze (2008): 1984.exe. Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien. Bielefeld: Transcript.

Weber, Max; Winckelmann, Johannes (2002): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5. Aufl. Tübingen: Mohr-Siebeck.

Whitaker, Reg (1999): Das Ende der Privatheit. Überwachung, Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter. 1. Aufl. München: Kunstmann.

Wiedemann, Gregor (2011): Regieren mit Datenschutz und Überwachung. Informationelle Selbstbestimmung zwischen Sicherheit und Freiheit. 1. Aufl. Marburg: Tectum (41).

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