Kindergeschichte: „Was ist denn das Glück?“

Was ist denn das Glück?

 

Vor langer Zeit hatten sich die ersten Menschen aufgemacht,  die Erde zu erkunden. Noch waren sie ganz frei von der Vorstellung, wie grün das Gras auf der anderen Seite der Hügel sein könnte, wie hoch dort die Bäume, wie fest die Erde und wie kalt die Seen waren. Wo immer es ihnen gefiel, schlugen sie ihre Lager auf. Einigen gefielen die Berge am besten. Der Wind und die Steine, das kurze Gras und der Ausblick weit über das Land ließ ihre Herzen höher schlagen. Das Verlangen, noch mehr zu entdecken, verschwand. Die Unruhe und Suche nach dem besten Ort zum Leben, machten einem Gefühl von Heimat Platz. Anderen erging es ebenso in den Wäldern. Die tiefen Schatten der hohen Bäume boten Sicherheit und Ruhe, der Boden war voller Pilze und leckerer Wurzeln, die hellen Flüsse voller Fische. Wieder andere fanden sich in der Steppe wieder. Weites Land, ein strahlender Himmel, üppiges Präriegras und die Erde, die sie zu fruchtbaren Äckern und Gärten verwandelten, ließen die Menschen verweilen.

Noch vor ihnen aber hatten sich die verschiedensten Tiere an diesen Orten niedergelassen, mit dem selben Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit in ihren schlagenden Herzen. Sie waren dort geboren, erinnerten sich nicht, jemals woanders gewesen zu sein und waren mit der Natur zutiefst vertraut. Ihr Glück, ja, ihr Leben entsprang den Geschenken, die die Natur ihnen bot.

Vergnügt lernten die Elefantenkinder das Schwimmen in den kühlenden Tümpeln der Prärie, fraßen das nährreiche Gras und machten sich auf langen Wanderungen mit den Grenzen ihres Reviers vertraut.

Zufrieden ließen sich die aufmerksamen Rehe und Hirsche in den Wäldern nieder, froh um den Schutz der Bäume hungrig nach den Knollen und Knospen der vielen Pflanzen.

Ihre Verwandten, die Ziegen und Gämsen, aber, entdeckten die Berge für sich. Sie waren zum Klettern geboren und sprangen mutig die schwierigsten Pässe entlang zu den höchsten Gipfeln und fraßen mit dem besten Ausblick auf den Dächern der Welt die knackigen Kräuter.

Ebenso erging es den Fischen im Wasser. Kein anderer Lebensraum als die Flüsse, Seen und Meere kam für sie in Frage. Oder hast du je einen glücklichen Fisch an Land gesehen?

Ja, die Tiere hatten wahrlich ihr Glück gefunden. Ihr Glück lag in den Dingen um sie herum, in der Freiheit und Geborgenheit ihrer Umgebung, in der Nahrung, die sie fanden, in den Höhlen und Nestern, die sie sich bauten. Ihr Glück kam von außen. Aus der Sonne schien es und aus dem Regen prasselte es auf sie herab. Und aus den Gesichtern und Bewegungen ihrer Freunde strahlte dasselbe Glück zurück, wenn sie gemeinsam spielten und fraßen, atmeten und lebten.

Auch die Menschen profitierten von den Geschenken der Natur. Schnell lernten sie, dass Mutter Erde ihnen all die guten Früchte und Pflanzen brachte, mithilfe der Sonne, des Regens und des Windes. Schnell lernten sie, Stein und Eisen aus den Bergen zu schlagen, Holz aus den Bäumen zu gewinnen und Gräser, Algen und Baumwolle zu neuen Stoffen zu flechten. Aus dem Reichtum der Natur gewannen sie Essen und Trinken und bauten ihre ersten Höhlen, Hütten und Häuser. Schnell erlernten sie auch das Jagen und entdeckten die Wohltaten der Geschenke der Tiere. Sie melkten die Kühe und tranken ihre Milch. Sie aßen die Eier der Hühner und webten ihre Kleider aus der Wolle der Schafe. Dankbar und zufrieden legten die ersten Menschen sich schlafen. Sie hatten auf der großen weiten Erde ein schönes Plätzchen gefunden. Sie genossen die Gaben der Natur und waren froh, dass ihre Kinder und Freunde Freiheit und Sicherheit hatten, genügend zu Essen und Trinken und ein Dach über dem Kopf.

Das Glück der Menschen aber unterschied sich vom Glück der Tiere. Die Tiere waren vollauf zufrieden mit dem, was sie hatten. Sie brauchten keine Häuser aus Stein, keine Kleidung, keine Feuerstelle und keine Werkzeuge. Eine Höhle, ein Nest, ein Fell oder Federn genügten ihnen. Sie dachten nicht an Fahrräder und Autos, an Messer und Gabeln, an Öfen, Betten, Nagelscheren, Stift und Papier, an Türen und Fenster, an Straßen, Märkte, Tische, Computer und Telefone. Keiner von ihnen wollte Schreiner oder Schuster werden, keiner wollte Eis essen, U-Bahn fahren oder Bücher lesen. Sie waren immer, wer sie noch heute sind: Ein Elefant war ein Elefant, eine Ziege eine Ziege, ein Fisch ein Fisch und ein Vogel ein Vogel. Mehr brauchten sie nicht zu sein.

Die Menschen dagegen dachten an all diese Dinge. Sie verbesserten ihre Werkzeuge, erfanden das Rad, das Papier und den Computer. Immer feiner wurde ihre Kleidung, immer schöner ihre Tische und Stühle, immer größer ihre Häuser, Boote und Autos. Sie waren stolz auf ihre Erfindungen und alles Güter, die sie sammelten. Jedes Messer, das sie schmiedeten, versprach, noch besser werden zu können. Jedem Auto, das sie bauten, folgte ein noch schnelleres Auto, jeder Kirche und jedem Dorf folgten noch schönere, größere und reichere Gebäude und Städte.

Von all dem Reichtum versprachen die Menschen sich Glück. Doch das Glück und die Zufriedenheit mit ihrem Leben wuchs nicht immer zusammen mit den Häusern und Schätzen der Menschen. So manch armer Fischer, der nur sein Boot und Netz besaß, war glücklicher als der reichste Mann des Landes in seinem sicheren Schloss. So manches kleine Mädchen, das weder Gold noch feine Tücher besaß, war in den Armen seiner Eltern der zufriedenste Mensch auf der ganzen Welt.

„Was ist denn nun das Glück?“ fragten sich also die Menschen. „Wo bleibt es nur, wenn ich doch alles habe, was man sich wünschen kann?“ fragten sich die Reichen und blieben ohne Antwort. Doch wenn Durch den armen Fischer und das kleine Mädchen fragst, wirst Du eine Antwort bekommen. „Das große Glück der Menschen,“ so flüstern sie dir zu, „kommt nicht von außen, kommt nicht von all den Dingen. Das Glück kommt von innen. Es ist dein Lächeln und deine Fröhlichkeit, es dein Atem, deine Stimme und dein schlagendes Herz.“

ENDE

 

 

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