Historische Wurzeln heutiger Überwachung

Die heutige Überwachung beruht auf einer Vielzahl von historischen Ereignissen und Entwicklungen. Insbesondere drei historische Wurzeln, waren für die Herausbildung gesellschaftsumfassender Überwachungsstrukturen wesentlich.

 

Ein Ursprung kann auf die Pest im ausgehenden Mittelalter zurückgeführt werden. Die Bekämpfung des Schwarzen Todes führte damals in Europa zur weitgehenden Erfassung und Überwachung der Individuen in einem von der Seuche betroffenen Gebiet durch den Staat. Es etablierte sich bereits zu jener Zeit ein präzises Überwachungsnetz, das Ordnungswidrigkeiten unverzüglich aufzeigte.

Im Laufe des knapp 400 Jahre andauernden Kampfes gegen die Pest entwickelte sich ein bürokratischer Machtapparat, der die europäische Bevölkerung zunehmend kontrollierte, indem er ihre Handlungen vorhersehbar und dadurch berechenbar machte. Konkret kam es unter anderem zur Schaffung von Gesundheitsbehörden, Ausstellung von Pässen, Aufzeichnung und Registrierung von Todesfällen und Begräbnissen sowie zur Zertifizierung von Handelswaren.

Diese Observation des alltäglichen Lebens führte zu massiven Einschnitten der Privatsphäre aller betroffenen Menschen. Der Kampf gegen die Pest wurde entsprechend mit dem Preis der individuellen Freiheit bezahlt. Es kristallisierte sich jedoch mit der Zeit heraus, dass nicht die Pest kontrolliert wurde, sondern die Gesellschaft. Somit wurden diese neuen staatlichen Verordnungen

„als Mittel zur Stärkung der Macht und Kontrolle der Regierung über ihre Bürger eingesetzt“ (Naphy, Spicer 2006: 98).

„die Gesundheit wurde zur Ausrede für die Ordnung.“ (Naphy, Spicer 2006: 76 ff.)

Obwohl im Jahr 1720 die Pest in Europa zum letzten Mal ausbrach, existiert dieser Machtapparat in abgewandelter Form noch heute. Seine Hauptfunktion besteht nach wie vor in der Vermeidung von Chaos durch Kontrolle der Individuen. Foucault weist der Pest in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle für die Entstehung des Modells einer gesellschaftlichen Disziplinierungsanlage zu.

 

Eine weitere wesentliche Wurzel in der Geschichte der Überwachung lässt sich in der Funktionsweise von Nationalstaaten ausmachen. Für die Bewahrung von Recht und Ordnung innerhalb nationalstaatlicher Grenzen war eine allumfassende Wissensanhäufung von Beginn an unerlässlich. Die Entstehung bürokratischer Registrierungsapparaturen ist grundsätzlich auf die überlebenssichernde Notwendigkeit des Staates zurückzuführen,

„sich selber und seine Aktivitäten zu überwachen“ (Whitaker 1999: 57).

Diese Wissensakkumulation – die als zentralisierte Datengrundlage dient – ist auch für die kapitalistische Funktionsweise, die exakte und zentralisierte Besteuerung der Staatsbürger voraussetzt, unerlässlich. Eine der Hauptaufgaben des Staates ist es die Verteilung von Eigentum und Einkommen zu kennen und dadurch seine Möglichkeiten und Einnahmen zu kontrollieren. Gleichzeitig kann er die aus der Überwachung gewonnenen und analysierten Informationen dazu benutzen, bei Normabweichungen in das gesellschaftliche Geschehen einzugreifen, und dieses nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Überwachung ermöglicht somit die Manipulation, Intervention und Kontrolle von Seiten des Staates, was wiederum die geregelte Veränderung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung zulässt.

 

Die dritte, für das Verständnis heutiger Überwachung wichtige Wurzel kann anhand des Kalten Krieges veranschaulicht werden. Aufbauend auf misstrauensbasierten Sicherheitsmaßnahmen führte hierbei das gegenseitige Wettrüsten bei beiden Supermächten – den USA und Russland – zur Entstehung einer umfassenden nationalen und internationalen Überwachungsarchitektur.

Obwohl es nach 1990 zur gegenseitigen Annäherung kam, führte dies nicht zum Ab-, sondern zum Umbau der etablierten Überwachungspraktiken. Die nun überflüssig gewordenen Überwachungsinstrumente verlagerten ihren Schwerpunkt von der zwischenstaatlichen zur innerstaatlichen Observation. Es folgte eine zunehmende Kommerzialisierung von Überwachung die den Markt für zivile Sicherheit für sich entdeckte und diesen bis heute stetig ausbaut.

 

Wie diese Beispiele gezeigt haben, scheinen Zeiten der Not eine besonders günstige Ausgangslage der Überwachungsrechtfertigung für den Staat mit sich zu bringen. Sowohl die Pest als auch der Kalte Krieg wurden als Legitimation zur Herausbildung von umfangreichen, gesellschaftlichen Überwachungsprozeduren herangezogen. Das Ende der reellen Gefahr führte allerdings bei beiden Phänomenen nicht zur Auflösung, sondern zur Fortführung dieser etablierten Strukturen, da diese genau wie das Phänomen des Nationalstaats die nun bestehende Ordnung sicherten.

 

 Literatur

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gaycken, Sandro; Kurz, Constanze (2008): 1984.exe. Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien. Bielefeld: Transcript.

Naphy, William G.; Spicer, Andrew (2006): Der schwarze Tod. Die Pest in Europa. Essen: Magnus-Verl.

Whitaker, Reg (1999): Das Ende der Privatheit. Überwachung, Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter. 1. Aufl. München: Kunstmann.

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