Gouvernementalität

Foucault zufolge bildete sich insbesondere seit dem 18. Jahrhundert in europäischen Gesellschaften eine Mentalität des Regierens heraus, die er im Begriff der

Gouvernementalität“ zusammenfasst (Foucault 2000: 65).

Er definiert Gouvernementalität als

„die Gesamtheit, gebildet aus Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.“ (Foucault 2000: 64)

Gouvernementalität umfasst dementsprechend alle Maßnahmen, die durch regierende Autoritäten dazu verwendet werden, um die Bevölkerung als Ganzes oder einzelne Bevölkerungssegmente an ein angestrebtes Resultat anzupassen und auf diese Weise ihr Wohlbefinden und ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Foucault zufolge bildet Gouvernementalität die Grundlage für Kalkulationen und Taktiken, welche die Ausübung einer spezifischen und komplexen Machtform ermöglichen. Wesentliche Stützpfeiler bestehen dabei aus Institutionen, Prozeduren, Analysen und Reflektionen. Die Besonderheit der gouvernementalen Spezifikation liegt vor allem in der Verhinderung einer Reduktion des Regierungshandelns allein auf den Staat als kohärentes und kalkulierendes politisches Subjekt. Sie ermöglicht eine Sichtweise auf eine Vielzahl von heterogenen Autoritäten, die verschiedenste Ziele zur Regulierung des Lebens von Individuen verfolgen. Anhand dieser Spezifikation wird deutlich, dass heute nicht mehr allein der Staat regiert, sondern das Geflecht aus Institutionen, Organisationen und Apparaturen, aus denen sich dieser zusammensetzt.

 

Literatur

Foucault, Michel (2000): Die »Gouvernementalität«. Vorlesung am Collége de France im Studienjahr 1977-1978: „Sécurité, territoire et population“, 4. Sitzung, 1. Februar 1978), Aut-Aut, Nr. 167-168, September-Dezember 1978, S.12-29, Gillimard. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 41–67.

Miller, Peter; Rose, Nikolas (1990): Governing economic life. In: Economy and Society (19:1), S. 1–31.

Miller, Peter; Rose, Nikolas (2008): Governing the Present. Administering Economic, Social and Personal life. Cambridge: Polity Press.

Rose, Nikolas (2000): Tod des Sozialen? Eine Neubestimmung der Grenzen des Regierens. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 72–109.

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