Foucaults Disziplinargesellschaft und Panoptismus

In seinem Werk Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses überträgt Foucault das Prinzip des Panopticums auf die grundsätzliche Funktionsweise moderner Gesellschaften und

„die Beziehungen der Macht zum Alltagsleben der Menschen“ (Foucault 1977: 263).

Seiner Ansicht nach kann das panoptische Überwachungsprinzip immer dann Anwendung finden, wenn Menschen bestimmte Aufgaben oder Verhaltensweisen aufgezwungen werden. Es ist allgegenwärtig und kann dabei helfen, alle gesellschaftlichen Funktionen – wie Produktion, Wirtschaft, Bildung und öffentliche Moral – effizienter zu gestalten.

Entsprechend geht er davon aus, dass sich der panoptische Mechanismus endlos auf die Gesellschaft verallgemeinern lässt.

Dies wird besonders in der von ihm selbst gewählten Metapher des aktiven, in sich greifenden Räderwerks der panoptischen Maschine deutlich, in dem jeder Mensch ein sich intrinsisch drehendes Rädchen darstellt. Dabei ist jedes Individuum einer Doppelfunktion der Macht unterworfen: Es ist gleichsam Gefangener seiner selbst und der Gesellschaft.

Dieses gesamtpanoptische Konzept überträgt Foucault nun insbesondere auf die europäische Gesellschaftskonstruktion des 19. Jahrhunderts. Bereits Ende des 18. Jh. wurden neben der Überwachung auch die Registrierung, Aufzeichnung und Aufbewahrung von Informationen über Individuen zunehmend vom Staat als Machtwerkzeuge erkannt.

Dieses gesammelte Informationsmaterial diente in ihrem Anfangsstadium der Verbesserung von Individualleistung und Effizienzsteigerung von in sich geschlossenen, gesellschaftlichen Institutionen. Doch diese Erfassung von Leistung und Zusammenfassung von Verhaltensweisen und Mustern zu Kategorien ermöglichte es auch, Individuen besser einschätzen, diversifizieren und kontrollieren zu können. Außerdem konnten durch die stetige Wissensanhäufung Fehler und Normabweichungen effizienter verhindert- und korrigiert werden. Zusammengenommen ermöglichten diese Maßnahmen eine exakte Aufteilung von Arbeitstätigkeiten.

Dadurch ergaben sich zwei wesentliche Vorteile: Die optimale Nutzung des menschlichen Potentials und der Fortschritt des Lernprozesses über den Menschen und der Human- und Sozialwissenschaften im Allgemeinen. Entsprechend Benthams theoretischem Konstrukt sieht Foucault in all diesen Entwicklungen die Grundprinzipien des Panopticums in der damaligen Gesellschaft verwirklicht.

Laut seiner Auffassung entstand im Zuge dieser Entwicklungen zunehmend ein Überwachungsstaat, in dem der Polizeiapparat als wichtigstes Exekutivorgan des Staates mit einer immer tiefgreifenden Macht zur Sicherstellung einer funktionierenden Gesellschaftsordnung und zur Bekämpfung von Gegenmächten ausgestattet wurde.

Foucault stellt heraus, dass die Polizei dabei stets auf einer übergeordneten Machtebene fungiert, die ein überwachendes Verbindungsnetz zwischen allen bereits bestehenden Disziplinarinstitutionen herstellt. Sie trägt somit aus seiner Sicht endgültig zur Entstehung einer panoptischen Disziplinargesellschaft bei, deren Mitglieder den Insassen eines Gefängnisses gleichen.

Ausgehend vom 19. Jh. durchzog dieser Überwachungsmechanismus unter zunehmender Automatisierung der Normen- und Regelbefolgung allmählich die gesamte Gesellschaft. Diese umfassende Archivierung und Überwachung von Daten und Individuen hat seit jener Zeit stetig zugenommen und wurde vor allem durch den ständigen technologischen Fortschritt vorangetrieben, welcher die Erfassung und Aufbewahrung immer größerer Daten- und Informationsmengen ermöglichte.

 

Literatur

Bentham, Jeremy (2013): Panoptikum oder Das Kontrollhaus. Unter Mitarbeit von Andreas Leopold Hofbauer und Christian Welzbacher. 1. Aufl. Berlin: Matthes & Seitz (14).

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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