Foucault zur Funktion von Kriminalität

Als Foucault während seines Vortrages über Die Maschen der Macht an der philosophischen Fakultät der Universität Bahia 1976 folgende Frage von einem Hörer gestellt bekommt:

„Auf welche Produktivität zielt die Macht im Gefängnis?“

Gibt er eine genauso klare, wie überraschende Antwort:

Das ist eine lange Geschichte. Das Gefängnissystem, also das repressive, auf Sühne ausgerichtete Gefängnis, entstand recht spät, nämlich praktisch erst Ende des 18. Jahrhunderts. Davor diente das Gefängnis nicht dem Vollzug gesetzlich festgelegter Strafen. Man sperrte Menschen lediglich ein, um sie bis zu ihrem Prozess festzuhalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ging es nicht um Strafe. Als Repressionssystem schuf man das Gefängnis, weil man glaubte, Kriminelle dort umerziehen zu können. Nach einem Aufenthalt im Gefängnis werde der Häftling durch eine Domestizierung nach Art des Militärs oder der Schule zu einem Menschen, der die Gesetze achtet. Es ging im Gefängnis also um die Produktion gehorsamer Individuen.

Schon in der allerersten Zeit erkannte man, dass dieses Gefängnissystem nicht zu den erwünschten Ergebnissen führte, sondern genau die entgegengesetzten Folgen zeitigte. Je länger ein Mensch im Gefängnis blieb, desto geringer der Umerziehungserfolg und desto stärker seine Kriminalisierung. Die Produktivität war nicht nur gleich null, sie war negativ. Deshalb hätte das Gefängnissystem eigentlich verschwunden müssen. Aber es blieb und ist bis heute geblieben. Und wenn wir fragen, was wir an die Stelle des Gefängnisses setzen sollen, gibt niemand eine Antwort.

Warum sind Gefängnisse trotz ihrer negativen Produktivität geblieben? Ich glaube, gerade weil sie Kriminelle produzieren und weil Kriminalität in den uns bekannten Gesellschaften einen gewissen ökonomischen und politischen Nutzen hat. Diesen ökonomischen und politischen Nutzen der Kriminalität können wir leicht erkennen. Je mehr Kriminelle, desto mehr Verbrechen. Je mehr Verbrechen, desto größer die Angst in der Bevölkerung. Und je größer die Angst in der Bevölkerung, desto akzeptabler und wünschenswerter das System der polizeilichen Kontrolle. Die Existenz dieser permanenten kleinen inneren Gefahr gehört zu den Voraussetzungen für die Akzeptanz des Kontrollsystems. Deshalb räumt man der Kriminalität in Presse, Radio und Fernsehen aller Länder der Erde so viel Platz ein, als wäre sie jeden neuen Tag eine Neuigkeit. Seit 1830 finden sich in allen Ländern der Erde immer wieder Kampagnen zum Thema der wachsenden Kriminalität, obwohl diese Behauptung niemals bewiesen wurde. Die unterstellte Präsenz, die Bedrohung, die Zunahme der Kriminalität ist ein Faktor in der Akzeptanz der Kontrollen.

Aber das ist noch nicht alles. Kriminalität hat wirtschaftlichen Nutzen. Denken Sie nur an die äußerst lukrativen unsauberen Geschäftszweige, die in den Bereich des kapitalistischen Profits gehören und ihren Weg über die Kriminalität nehmen. Zum Beispiel die Prostitution. In allen Ländern Europas (ich weiß nicht, ob das in Brasilien auch so ist) liegt sie bekanntlich in den Händen so genannter Zuhälter, die alle schon einmal im Gefängnis waren und nun die Aufgabe haben, die im Bereich des sexuellen Vergnügens erzielten Profite in Richtung ökonomischer Kreisläufe wie des Hotelwesens und auf Bankkonten zu lenken. Durch die Prostitution ist das sexuelle Vergnügen in der Bevölkerung kostspielig geworden, und das System der Zuhälter gestattet es, den aus dem sexuellen Vergnügen gezogenen Profit in gewisse Kreisläufe einzuspeisen. Waffenhandel, Drogenhandel und eine ganze Reihe unsauberer Geschäfte, die in der Gesellschaft aus diversen Gründen nicht direkt betrieben werden können, nehmen ihren Weg über die Kriminalität und werden durch sie gesichert.

Außerdem hatte die Kriminalität im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert ganz massive Bedeutung für eine Reihe politischer Operationen wie das Brechen von Streiks, die Infiltration der Gewerkschaften oder den Personenschutz für mehr oder weniger ehrenwerte Führer politischer Parteien. Ganz konkret spreche ich hier von Frankreich, wo alle politischen Parteien Leute aus dem kriminellen Milieu beschäftigen, und die Palette reicht von Plakatklebern bis hin zu Schlägern. Wir haben hier also eine ganze Reihe ökonomischer und politischer Institutionen, die auf der Basis der Kriminalität funktionieren, und insofern hat das Gefängnis, das Berufsverbrecher fabriziert, durchaus einen Nutzen und eine Produktivität.“ (Foucault et al. 2005: 232-234)

Laut Foucault ist Kriminalität also nützlich für die Aufrechterhaltung sowie Legitimierung von Kontrolle. Eine schwer zu verdauende Botschaft, welche die Aspekte Sicherheit und Freiheit in neuem Licht erscheinen lässt.

 

Literatur

Foucault, Michel; Defert, Daniel; Ewald, François; Lemke, Thomas (2005): Analytik der Macht. 1. Aufl., Originalausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

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