Flüchtlingslager: Endgültige Einsperrung überflüssiger Menschen

Immer mehr Menschen, die dringend Hilfe benötigen, werden unter katastrophalen Lebensbedingungen so lange eingesperrt, bis sie sterben. Es wird höchste Zeit, sich mit der Problematik von Flüchtlingslagern auseinanderzusetzen.

In dem Buch Daten, Drohnen, Disziplin von 2013 konkretisiert Bauman das Problem der weltweiten Zunahme von Exilanten, Flüchtlingen, Asylsuchenden – oder Leuten, die bloß nach einem Dach über dem Kopf und etwas zu essen suchen unter Zuhilfenahme der Studien von Michel Agier, die er in dem Buch Le Couloir des exiles 2011 zusammenfasst:

„Der Ethnologe Michel Agier hat in seinem neuesten Buch die Ergebnisse der Feldstudien zusammengefaßt, die er über zehn Jahre in den Flüchtlingslagern Afrikas und Südamerikas und in den europäischen »Durchgangslagern« durchführte, wo Migranten einsitzen, die als »illegale Zuwanderer« definiert bzw. den »recht- und gesetzlosen« Status von Asylsuchenden verpaßt bekommen. In seinem Resümee sagt er, dass Walter Benjamins »Pech« […] – nämlich daß man ihn und seine Mitflüchtlinge aus dem spanischen Grenzort Portbou zurück ins mit den Nationalsozialisten kollaborierende Frankreich schicken wollte, woraufhin er Selbstmord beging – siebzig Jahre später jeglichen »Ausnahmecharakter« verloren hat und alles andere als ein Einzelfall ist.

Bereits 1950 zählte die offizielle globale Statistik eine Million Flüchtlinge (die meisten »Heimatvertriebene« aus dem Zweiten Weltkrieg). Heute beträgt die Zahl von »Menschen im Übergangszustand« nach konservativer Schätzung zwölf Millionen – für das Jahr 2050 wiederum rechnet man mit bis zu einer Milliarde exilierter und ins Niemandsland der »Durchgangslager« abgeschobener Flüchtlinge.

Das, was Walter Benjamin widerfahren ist und heute einer rasch wachsenden Menge von einem ähnlichen Schicksal getroffener Menschen geschieht, als »Übergangszustand« zu bezeichnen, ist ziemlich makaber. Ein »Übergang« ist ein finiter Prozess mit einem klaren Anfang und einem ebenso klaren Ziel, eine Passage von einem raumzeitlichen »Hier« zu einem raumzeitlichen »Dort«; doch genau diese Passage schließt der »Flüchtlingsstatus« aus, der sich dadurch vom »Normalzustand« abhebt und ihm per definitionem diametral entgegengesetzt ist. Ein »Durchgangslager« ist keine Zwischenstation, auch kein Rasthof oder Motel, in dem man auf einer Reise von A nach B Einkehr hält. Es ist eine Endstation, an der alle Wege enden und aus der jedenfalls keiner mehr hinausführt – denn die Aussicht, begnadigt zu werden oder auch nur seine Strafe vollständig abzusitzen, besteht kaum:

Immer mehr Menschen werden in Lagern geboren und sterben dort, ohne je einen anderen Ort gesehen zu haben. Diese Lager dünsten den Geruch des Endgültigen aus, was allerdings nicht heißt, hier wäre man endgültig am Ziel angekommen, sondern: Hier ist der »Übergangszustand« zur Dauerlösung geworden.

Die Bezeichnung »Durchgangslager« ist, so gerne die Mächtigen sie jenen Orten geben, an denen sich aufzuhalten sie die Flüchtlinge zwingen, ein Oxymoron: Der »Durchgang« ist ja genau das, was den Flüchtlingen vorenthalten wird, und genau das kennzeichnet ihre Situation. In ein »Flüchtlingslager« verwiesen zu werden bedeutet mit Sicherheit nur eines: daß von dort aus alle anderen denkbaren Orte unerreichbar sind. »Insasse« eines Flüchtlingslagers zu sein bedeutet mit Sicherheit nur, daß man aus der übrigen Welt ausgeschlossen ist und überall als Fremder, Fremdkörper und Eindringling gilt […]. Kurz: In ein Flüchtlingslager eingewiesen zu werden heißt, aus der Welt und der Menschheit ausgewiesen zu werden. Daß er ausgewiesen ist und immer Exilant bleiben wird, ist alles, was man über die Identität eines Flüchtlings wissen muß. Wie Agier wiederholt feststellt, ist es nicht die Tatsache, daß der Lagerinsasse von anderswo herkommt, sondern die, daß er nirgendwo hingehen kann – weil ihm das ausdrücklich verboten bzw. praktisch unmöglich gemacht wird -, was den Exilierten von der übrigen Menschheit trennt. Das Ausgeschlossensein ist das, worauf es ankommt.

Ein Exilant muß keine Staatsgrenze überschritten haben, er braucht nicht aus einem anderen Land zu kommen. Er kann, und das ist nur allzu oft der Fall, auch in dem Land geboren und aufgewachsen sein, in dem er Exilant ist. Manche Exilanten haben sich keinen Zentimeter von dem Ort fortbewegt, an dem sie geboren wurden. Vollkommen zu Recht faßt Agier daher Flüchtlingslager, Einrichtungen für Obdachlose und städtische »Problemviertel« in derselben Kategorie zusammen, indem er sie als »Korridore des Exils« bezeichnet.

Legale wie illegale Bewohner solcher Orte haben eine entscheidende Eigenschaft gemein: Sie sind überflüssig. Menschlicher Müll, die Verworfenen der Gesellschaft – mit einem Wort: Abfall. »Abfall« ist der Inbegriff des Unnützen;  »auf den Abfallhaufen« gehört alles, was unrettbar unbrauchbar ist. Tatsächlich besteht der bedeutendste Beitrag, den Abfall zu leisten vermag, darin, daß er Räume verschmutzt und blockiert, die andernfalls nutzbringend eingesetzt werden könnten.“ (Bauman 2013: 84 ff.)

Die Endstation Flüchtlingslager darf definitiv keine Lösung mehr für Menschen sein, die Hilfe suchen!

Flüchtlinge müssen überall als Freunde mit offenen Armen empfangen werden. Ihre Probleme müssen zu unseren werden.

Allerdings ist die Integration von Flüchtlingen keinesfalls profitabel, sondern verursacht immense Kosten, die niemand tragen möchte. Genau hier liegt auch das grundsätzliche Problem: Profitinteressen stehen in der Rangordnung höher als Menschenleben.

Wir müssen uns endlich darüber bewusst werden, dass wir alle im gleichen Boot namens Erde sitzen und dass wir dieses nur sicher zum Hafen des Lebens bringen können, wenn wir uns gegenseitig helfen.

Literatur:

Lyon, David; Bauman, Zygmunt (2013): Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung. Berlin: Suhrkamp.

Michel Agier, Le Couloir des exiles. Etre étranger dans un monde commun, Marseille: Éditions du Croquant 2011.

3 Gedanken zu „Flüchtlingslager: Endgültige Einsperrung überflüssiger Menschen

  1. Sehr guter Beitrag, der durch die jüngsten „Vorfälle“ in den Heimen in Nordrhein-Westfalen eine neue Brisanz bekommt: Wärter demütigen und quälen (schlagen ihnen solange in den Bauch, bis sie auf ihre Matratze kotzen und werden dann von Springerstiefeln mit dem Gesicht in ihr Erbrochenes gedrückt z.B.) Menschen, die eine beschwerliche und oft auch demütigende Reise in LKW-Ladeflächen in Bootskajuten eingesperrt über die Meere schließlich durch die (demütigende) deutsche Bürokratie wandern…und dann in privatisierten (!) Unterkünften landen.
    Vor diesen „Vorfällen“ war mir nicht bewusst, dass Flüchtlingsheime immer mehr privatisiert werden. Man muss sich das mal vorstellen: es gibt Leute, die in dem Flüchtlingsstrom eine Geschäftsidee sehen! Und ich meine nicht die zahllosen Schleuser, die Menschen, die eigentlich nichts mehr haben, das letzte Hemd wegnehmen, sondern Organisationsfirmen, die Steuergelder dafür bekommen, dass sie möglichst viele Menschen wegsperren und von zwielichtigen „Sicherheits“Subunternehmen verwalten lassen. Profitabel allemahl. Blöd halt, wenn einer der „Sicherheitswacht“ ein Nazi ist, aber hey, das Geschäftsmodell ist deshalb natürlich nicht schlecht; oder?
    Eigentlich die logische Konsequenz einer marktliberalen Denkweise, aber ich werde wohl nicht der Einzige sein, dem das die Galle in den Mund treibt. Dazu haben die Firmen dann solch zynische Namen wie in oben beschriebenem Falle „European Homecare“…
    und wie geht es weiter? Man findet wohl irgendwann die Wärter, European Homecare behält aber weiterhin den Auftrag – und damit das Geschäft. Wenn es „gut“ läuft, wechseln sie den Subunternehmer. Das wars.

    Das bringt mich nicht nur auf die Palme, sondern mal wieder zu einem wie ich finde sehr großen Thema unserer Gesellschaft: Was darf in einer Gemeinschaft privatisiert werden, was nicht? Krankenhäuser und andere gesundheitliche Einrichtungen werden immer weiter privatisiert, was dort los ist, dafür ist hier nicht genug Platz. Dazu die Stromversorgung, die Telefonversorgung, bald vielleicht das Wasser.
    Deshalb möchte ich bei dieser Gelegenheit eine Forumsdiskussion zum Thema Privatisierung starten, Argumente für und wider die Privatisierung in bestimmten Bereichen der Gesellschaft sammeln, von so vielen Menschen wie möglich. Macht einfach mit: http://dieweltneuschreiben.de/forum/?mingleforumaction=viewtopic&t=24#postid-37

  2. DerFreitag: „Es gibt Diskussionen darüber, den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland zu begrenzen, damit deren Zahl nicht ins Unendliche steigt…“

    Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter: „Was heißt denn ‚ins Unendliche‘? Da muss man die Kirche wirklich mal im Dorf lassen. Deutschland hat in den 90er Jahren wesentlich mehr Flüchtlingen aufgenommen als heute. Auch wenn man sich anschaut, wie viele Flüchtlinge das reiche, wohlhabende Deutschland im Vergleich zu Ländern wie dem Libanon oder der Türkei aufnimmt, wird deutlich, dass noch mehr geht. Es ist ein Armutszeugnis, wenn das reichste und mit am besten organisierte Land Europas diese Herausforderung nicht in den Griff bekommen sollte.“

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