Disziplin und Überwachung nach Foucault

Disziplinen wurden schon seit jeher in gesellschaftlichen Einrichtungen wie Klöstern, Internaten, Armeekasernen, Spitälern und Werkstätten eingesetzt, um deren Mitglieder zum regel- und normkonformen Verhalten zu bewegen und sie dauerhaft einer vorgegebenen Ordnung zu unterwerfen. Disziplinen stellen Techniken dar, die Gehorsam von Individuen verselbstständigen und die permanente Ausführung von Anweisungen übergeordneter Machtinstanzen sicherstellen sollen. Auf diese Weise wird das Funktionieren solcher relativ isolierten Institutionen gewährleistet.

Vom 17. bis zum 19. Jh. Verließen die Disziplinen allmählich ihre architektonisch abgeschlossenen Gebilde und breiteten sich kontinuierlich im gesamtgesellschaftlichen Leben Europas aus. Im Zuge dieser Entwicklungen wurden Menschen, die nicht ins gesellschaftlich normkonforme Leben integriert werden konnten – insbesondere seit dem 19. Jh. – gezielt individualisiert und stigmatisiert.

Es entstanden neue gesellschaftliche Einrichtungen, wie Psychiatrien und Gefängnisse, die versuchten, den neuen disziplinarischen Anforderungen gerecht zu werden. Eine strikte Trennung zwischen gesellschaftlich akzeptiertem und nicht akzeptiertem Verhalten ermöglichte dabei eine effiziente Identifizierung von wahnsinnigen, gefährlichen und allgemeinhin als anormal geltenden Menschen.

Zur Etablierung der Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Wahrem und Falschem und zwischen dem Normalen und Anormalen, wurde eine umfassendere Disziplinierung der Gesellschaft immer zwingender. Seitdem wurde von höchster bürokratischer und politischer Ebene versucht, die potentielle Gesellschaftsgefährdung, ausgehend von diesen Individuen zu eliminieren.

Diese neuen Anforderungen fielen in die Epoche der Aufklärung und der beginnenden Industrialisierung und wurden von einer starken Bevölkerungsexpansion begleitet. Aufgrund dieser politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen lag in Europa eine erhöhte gesellschaftliche Komplexität vor, die die Anwendung eines Werkzeugs zur Sicherstellung des Funktionierens dieser neuen Gesellschaftsordnung zwingend notwendig machte.

Entsprechend entstanden seit jener Zeit immer umfassendere und effizientere hierarchische Überwachungstechniken. In sämtlichen gesellschaftlichen Einrichtungen wurde Überwachung zur wichtigsten Quelle der Macht über die Individuen und zeigte sich immer häufiger auch in Form von architektonischen Veränderungen, die einen durchscheinenden Blick zuließen.

 

Literatur

Bentham, Jeremy (2013): Panoptikum oder Das Kontrollhaus. Unter Mitarbeit von Andreas Leopold Hofbauer und Christian Welzbacher. 1. Aufl. Berlin: Matthes & Seitz (14).

Foucault, Michel (1974): Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France — 2. Dezember 1970. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. München: C. Hanser.

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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