Die Simplicissimus-App

Mein Leben gerät aus den Fugen.
Nein, ich habe keine schlimme Diagnose erhalten. Es ist auch niemand aus meinem nahen Umfeld gestorben. Kein äußerer Einfluss, der mich durch Zufall traf. Das Schicksal hat mir nichts getan.
Ich habe selber etwas getan. Ich. Nur ich.
Nicht aus Absicht, ich wollte es wirklich nicht. Aber Fahrlässigkeit muss ich mir wohl vorwerfen lassen und damit habe ich mich selber in das soziale Abseits gestellt.
Ich bin auf mein Smartphone gelatscht.

Hier meine Odyssee:
Ich tue es. Ohne Hass, ohne Zorn und ohne Motiv.
Das Smartphone liegt im Bad, auf dem Boden, unter meinen gebrauchten Boxers,  ohne Chance. Ich trete drauf.
Das Display zeigt weiterhin alles an: Eingehende Anrufe, eingehende Nachrichten und was man alles so braucht. Nur reagieren will das Display nicht mehr.
Ich sehe, dass ich eine Nachricht per WhatsApp bekommen habe. Ich weiß nur nicht, wer sie geschickt hat.Was drin steht, weiß ich eh nicht.
/Was steht in dieser Nachricht?/

Bin vor 5 Tagen umgezogen und hab kein Ersatzhandy hier. Kann also nichtmal wen anrufen. Aber wen sollte ich auch anrufen? 
/Was steht in dieser Nachricht?/

Mittags fahre ich in die alte Heimat, am Wochenende bin ich Trauzeuge. 
2 Stunden mit der Bahn zu meinen Eltern. Doch dort, in „meiner Ecke“, hab ich auch kein altes Handy , sowieso kein Smartphone , keine Apps, kein WhatsApp. 
/Was steht in dieser Nachricht?/

Am nächsten Tag auf der Hochzeit informiere ich möglichst viele Leute, dass ich nur telefonisch erreichbar bin, oder per SMS.  Aber  kein WhatsApp. 
Die Leute machen gute Mine zu bösem Spiel. Angeblich hat niemand versucht mich zu erreichen. 
//WAS STEHT IN DIESER NACHRICHT??//

Bin ich eigentlich süchtig? Bin ich abhängig? 
Ich bin nicht süchtig nach dieser App,  aber möglicherweise abhängig von ihr. Süchtig bin ich nach Info,  Kontakt, Info und nocheinmal Kontakt.

Wieder einen Tag später sitze ich mit ziemlich viel Restalkohol morgends am Esstisch meiner Eltern.
Und dann tue ich es. Mit Hass, mit Zorn und mit einem Motiv knalle ich das Smartphone mit dem Display auf die massive Tischecke. 
Es funktioniert! Das Display reagiert auf die sanften Liebkosungen meiner Finger. Und endlich kann ich die Frage beantworten, die mich seit 3 Tagen quält.
/Was steht in dieser Nachricht? /

Ich öffne den Übersichtsbildschirm. 16 neue Nachrichten per WhatsApp. 
Ich öffne die oberste, die erste Nachricht.
Ein Video.
Ein (wichtig: mir unbekannter) Mann steht nackt mit dem Rücken zur Kamera. Dann zieht er sich eine Unterhose aus Frischhaltefolie an und kackt hinein.
Ich bin glücklich.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?
Vielleicht, dass die Technik mich mehr beeinflusst, als ich die Technik?
Vielleicht, dass ein gesprochenes Wort immer noch wertvoller ist als ein verschicktes Video.
Vielleicht.

Aber vielleicht können wir auch lernen, dass man sich einfach mal zurücklehnen sollte, um etwas zu genießen. 
Einen Tag ohne WhatsApp,  ohne Info und Kontakt. Eine chillige Zugfahrt,   einen Besuch bei den Eltern oder eine wunderschöne Hochzeit.
Was verpasst man schon? Wenn es wirklich wichtig war, wird man’s wohl irgendwie erfahren.
Ich bin glücklich.

Ein Gedanke zu „Die Simplicissimus-App

  1. –> Handy am Felsen runtergefallen

    –> Display kaputt
    –> Kann aber noch sehen, wer mich angerufen hat, mich angeschrieben hat
    –> Kann nicht sehen WAS jemand von mir will

    –> Greife auf mein Handy (kein Smartphone) zurück und telefoniere oder lass mich anrufen
    –> Schreibe über E-Mails, Facebook, SMS oder Telegram am Desktop

    –> Lebe seit drei Monaten ein glückliches Leben ohne einem Zwang ständig mich von meinem Lieblingsgerät ablenken zu lassen
    –> Treffe meine Engsten viel öfter
    –> Habe viel mehr zu bereden
    –> Mache mir keinen Kopf, ob jemand mich erreichen kann oder nicht
    –> Mache mir keinen Kopf, dass ich jemanden unbedingt erreichen will
    –> Erlebe Emotionen in live und nicht durch einen Smily

    Manchmal ist es wirklich nicht schlecht auszuprobieren, wie es war, als es noch kein Smartphone gab. Kommunikation ist etwas sehr wichtiges. Aber es darf nicht zu einem Drang und einer Sucht werden. Man sollte es genießen und zwar weil man es will und nicht, weil es ein Gerät, das jederzeit in der Hosentasche liegt, uns zu oft vorschreibt.

    Sei der Herr über deine Kommunikation und lasse dich nicht vom Zwang ablenken.
    Genieße den Augenblick und schenke deine Aufmerksamkeit deiner Umgebung und lasse dich davon nicht ablenken.

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