„Die Cartmen dieser Welt“

…oder: „Wilde Mutmaßungen über den Big Boys Table und die finanzielle Sicherheit“

 

Einer der am besten gezeichneten Charaktere der Comicgeschichte ist wohl South Parks Eric Cartman: bis zum Unaushaltbaren egoistisch und missgünstig, manipulierend, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, hetzend und hassend und dabei in seiner strategischen Planung intelligent und überlegen.

Gleichzeitig weiß nicht einmal seine Mutter, wer sein Vater ist. Sie ist eine unsichere, mit der Erziehung überforderte Nymphomanin, die ihrem Sohn alles durchgehen lässt. Cartman ist fett, hässlich und im Grunde allein. Es scheint oft, als würde er nur aus Abenteuerlust von den anderen drei Hauptcharakteren geduldet. Als Zuschauer lacht man verschreckt über seine Dreistigkeit, hasst ihn auch manchmal.

[Ein deutliches Beispiel für seinen Hass und seine Manipulationsfähigkeiten ist die Episode „Ginger Kids“, 9. Staffel, 11. Folge; für seine eigentliche Armseligkeit „Fishsticks“, 13. Staffel, 5. Folge; besonders hassenswert erscheint er mir in der Episode „Ginger Cow“, 17. Staffel, 6. Folge; legal streambar unter www.southpark.de Sprache unbedingt auf Englisch umstellen!]

Nun betrachten wir unsere Welt: es ist inzwischen recht weit verbreitet, dass ein kleiner Haufen weit mehr Macht und Luxusgüter zur Verfügung hat als der Rest. Ob sie sich Geschäftsleute nennen, oder Manager, Politiker, Rüstungsfabrikanten, Chemiekonzern, die richtig großen Drogendealer, Makler oder einfach nur das (immer noch sehr präsente) Überbleibsel der Feudalstrukturen sind; es gibt jedenfalls weit mehr von ihnen, als die durch Werbekunden vom ganzen globalen Coup leider recht abhängige Presse es verlauten lässt.

Nun spielt das große (sinnlose) Spiel „Der mit den meisten teuren Spielzeugen und Manipulationsmöglichkeiten gewinnt“ auf mehreren verzweigten Ebenen; und irgendwo gibt es dann wohl auch eine Art Big Boys Table. Dort, wo um die großen Einsätze gespielt wird (v.a. Besitz von Rohstoffquellen und Kontrolle über Land, Wasser, Luft bis hin zum Weltraum).

Diesen gibt es (und alle darunterliegenden, verzweigten, Teile des großen), weil der Neid vieler „normaler“ Menschen und der Wunsch, selbst „oben“ mitspielen zu dürfen,diese Machtstrukturen immer wieder festigt.

Aber ich stelle mir diese Big Boys nicht als einen verschwörerischen Clan vor, der zusammen die Welt ausbeutet (à la Skulls and Bones oder ähnliche Verschwörungstheorien). Eher als sich zwar mehr oder weniger kennend und nett tuend, aber jeder sein eigenes Süppchen kochend. Misstrauisch und missgünstig den Mitspielern gegenüber – noch mehr als den Spielfiguren, also dem grobundschlechtgeschätzten 90% Rest, den sie verachten.

Die Big Boys wissen nie genau, wer jetzt wie mit wem welchen Deal durchgeboxt hat (der unglaubliche Renditen für die Anleger erwirtschaftet, natürlich aufgrund von der „Minimierung der Lohnkosten“ in irgendeinem Land, wo keiner hinschaut) oder an diesem oder jenem Krieg (ebenda) verdient – seien es Ressourcen, Kontrolle oder schlicht Geld; aber man würde es jedem anderen am Tisch zutrauen, sich selbst eingeschlossen. Und sie bekriegen sich gegenseitig, nehmen sich die Kuchenstücke weg, werden abgesägt, verarscht, selten auch einmal an den Pranger der sog. Öffentlichkeit gestellt.

Es sind auch keine Menschen, die – wie es uns die Werbung vormacht – glücklich in ihren Maybach steigen und auf malerischen Inseln herumfahren. Eher scheinen sie so auszusehen, wie die Wenigen, die man zu Gesicht bekommt: schaut euch mal zum Beispiel die Mundwinkel der großen deutschen Machtpolitiker der jüngeren Vergangenheit an, von Kohl und Merkel: 16 und 12 Jahre an der Macht – eine Zeit, die die wenigsten Könige durchhielten. Weit länger als Hitlers (auch bei ihm die Mundwinkel nach unten) „Tausendjähriges Reich“…Hallo Fortschritt, Hallo Demokratie! Von Stoiber, Schäuble (dabei seit Kohl, trotz Spendenaffären); oder auch von Dick Cheney, der Vizekanzler unter Bush jr., der seit Nixon seine schmierigen Finger gleichzeitig in der Regierung und in Rüstungszulieferern stecken hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Halliburton).

Nein, die „Big Boys“ sehen nicht besonders glücklich aus. Sie scheinen von Gier, Neid und Missgunst zerfressen, ihre Freude ist nur die über das Unglück eines Anderen. Sie sind die Cartmen dieser Welt! Die in der Schule schräg angesehen wurden (vielleicht kennt einer jemanden, der bei ihm in der Klasse war und jetzt Manager oder Politiker ist), nicht ernst genommen, sich alleine fühlen. Denen wird dann eingeredet, so kann man glücklich werden.

Im Prinzip wird das jedem eingeredet, aber diejenigen, die auch gerne mal ein paar Stunden (oder Tage, Wochen, Jahre) auf die Karriereleiter und den Lebenslauf scheißen, weil die Sonne grade so schön überm See untergeht und das Mädchen gut im Arm liegt, weil die Party Spaß macht und man das Gespräch mit seinen Freunden nicht unterbrechen will, weil das beballert sein gut tut in dieser Welt voller Absurditäten in der sog. Realität, kurz: weil man gerade lebt und liebt, solche Menschen „kommen nicht so weit“ wie die Cartmen.

Aber diese Cartmen, die denken sie hätten nichts Anderes, wollen wiederum den Anderen einreden, man müsse genauso werden. Man solle sich an ihnen orientieren, um glücklich zu sein. Erfolgreich, egal wie und egal auf wessen Kosten.

Und dann schaut euch mal die von der Presse vorgeführten „Gewinner“ dieses Spiels an: die gute Britney Spears zum Beispiel: mit zwölf beim Disney Club, danach gleich weiter mit fließbandproduzierter Popmusik… reich, berühmt und schön. Alles hat sie so gemacht, wie es von ihr verlangt wurde. Aber irgendwann schien sie an einem Punkt gewesen zu sein, der sie hat stutzen lassen: „euer Rezept für die Glückseligkeit funktioniert bei mir nicht“. Und dann zeigen noch die Hämischen mit dem Finger, wenn sie sich voller Koks die Haare abrasiert und ohne Höschen aus der Limo steigt.

Oder kann man sich den Druck in einer Karriereschmiede im Profisport auch nur ansatzweise vorstellen? Robert Enkes Selbstmord wundert mich nicht. Professionelle Sportler mit Millionengehältern sind auch immer Sklaven. Ganz abgesehen von den harten Eingriffe ins Privatleben durch Presse, Drogentests und Vereinsinteressen: wenn der Sponsor nach einem harten Spiel anruft und sagt: „In drei Stunden bist du in Zürich auf unserer Gala und schießt auf die Torwand“ dann bleibt da keine Wahl (oder kaum eine): der Spieler wurde gekauft. Er ist nun im Besitz des Vereins, bzw. der Sponsoren, die den Verein besitzen. Wen wundert es auch, wenn kalkulierte Stars der Musikindustrie schon in jungen Jahren „erfolgreich“ sind, wie etwa Miley Cirus, und es dann mit den Drogen übertreiben. Die Presse schlägt Alarm, wenn sie das Kiffen anfängt. Aber die wollen eben auch endlich das nachholen, was die Anderen die letzten Jahre gemacht haben, während sie täglich von früh bis spät „gemanaged“ wurden. Leider sehen sie häufig nur diese Äußerlichkeiten wie die beim Beisammensein konsumierten Substanzen, nicht das gemütliche Beisammensein an sich…

Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Kein Wunder: die Angst wird ständig erhöht. Neben vielen anderen gewinnbringenden und wachstumsförderlichen Unterfütterungen von Urängsten – dem Fremden, dem Zerstörer (Terrorist), der Seuchen (Schweine-/Vogel-/Chinesengrippe) ist dies vor allem die Angst vorm finanziellen Abstieg. Etwa durch Talkshows und anderes, sog. „Unterschichten-TV“ gefördert, wo in Wirklichkeit die Mittelschicht ansieht, wie die Unterschicht am Nasenring durch die Manege gezogen wird, weil sie unterbewusst selbst Angst hat, dorthin abzurutschen; und immer mehr Angst davor bekommt. Das sind geschriebene Szenarien, die kein Querschnitt der Hartz4-Bezieher sind!

Die Angst vor dem Abstieg nimmt dann absurdeste Auswüchse an. Etwa dass in einem Land wie Deutschland nicht Wenige alles für ihre finanzielle Sicherheit tun würden, aber wie die Verrückten Autofahren (das wird natürlich gefödert) ohne den logischen Fehlschluss darin zu erkennen; nämlich dass finanzielle Sicherheit nichts bringt, wenn man mit 220 km/h gegen die Leitplanke knallt – und man während seines Rattenrennens um die finanzielle Sicherheit  so viele Gelegenheiten des gegenseitigen Austausches mit anderen Menschen und der Natur verpasste.

Das Leben geht für jeden einmal zu Ende. Auch der immer noch tiefgefrorene Walt Disney wird nicht wieder lebendig werden (und wenn doch dann wird eben seine schon tote Restmasse mit einer menschengeschaffenen und dadurch mangelhaften Nachbildung an Leben versorgt; aber sein subjektives Erleben, die wunderbaren und unerfassbar grenzenlosen Möglichkeiten im Geschenk der menschliche Form im Großen und Ganzen, wird vorbei sein).

 

„So don’t tell me about your success

Nor your recipes for my happiness

Smoking that I never could digest

Those illusions you claim to have going“

– Sixto Rodriguez: „Rich Folks Hoax“

 

Obwohl ich mich gerade so schön in mein Erstaunen und meine Ungläubigkeit und Wut auf manche Gegebenheiten hineingesteigert habe, will ich doch endlich zur Quintessenz kommen:

Ich bemitleide die Cartmen. Gerne würde ich sie umarmen, oder ehrlichen Freunden vorstellen, mal mitnehmen auf ein schönes, einfaches, günstiges Fest, wo jeder jedem trauen kann. Auf einen Spaziergang zur Bamberger Altenburg. Zeigen, dass man, wenn man gut mit Menschen klarkommt, zwar keinen Maybach fahren kann, aber auch mit dem Fahrrad überallhin kommt, wo es sich aushalten lässt und wo man gerne gesehen ist. Genügsamkeit lehren. Liebe schenken. Ihnen zeigen, dass wenn sie mit weniger zufrieden wären, die Welt nicht so traurig wäre, nicht so viele Menschen hungern müssten obwohl wir in etwa die zehnfache Menge an Nahrung produzieren, die die Welt benötigten.

Beneiden werde ich sie wohl nie. Nur bemitleiden.

 

 

P.S.: Natürlich wird hier generalisiert. Aber es lässt sich nunmal nie ganz vermeiden wenn man Sprache benutzt und nicht endlose Begriffsklärung betreiben will.

Kurz: Ja, es ist vereinfachend und subjektiv. Natürlich kann ich alles nur so einfach sehen, weil ich satt bin, ein Dach über dem Kopf habe, die Heizung meist funktioniert und auch die Dusche. Nein, nicht alle reichen Menschen haben Vaterkomplexe und sind fett und hässlich (Mangel an Liebe – im Sinne von Mitleid und Mitfreude mit der Welt um das Subjektgebilde drum herum – kann häufig auch einen Körperkult auslösen). Und nein, nicht alle reichen Menschen sind irgendwie schlecht und für das Leid auf der Welt verantwortlich. Verantwortlich sind wir im Grunde alle.

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