Die begrenzte Handlungsfreiheit

„in jeder Gesellschaft wird der Körper von sehr harten Mächten  vereinnahmt, die ihm Zwänge, Verbote und Verpflichtungen auferlegen.“         – Michel Foucault (1977: 175)

Moderne Gesellschaften sind durchorganisierte und organisch zusammenhängende Gefüge. Ihr Funktionieren hängt von Normen und Regeln ab, nach denen sich die Menschen ausrichten müssen. Diese Normen und Regeln dienen im Allgemeinen dem Schutz und der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung, stellen allerdings gleichzeitig auch Begrenzungen der freien Entfaltung menschlichen Handelns dar.

Dieser Beitrag soll einen groben Überblick über wesentliche Schutz- und Einschränkungsmechanismen moderner Gesellschaften leisten. Foucaults Begriffe: Ritual, Verbot, Vernunft & Wahnsinn, Wahrheit & Unwahrheit werden dabei behilflich sein.

Im Laufe der historischen Entwicklung heutiger Gesellschaften haben sich diverse Kulturen herausgebildet, die bedingt durch unterschiedlichste Ereignisse, einem ständigen Wandel unterliegen. Diese Kulturen manifestieren sich immer in der Etablierung von Ritualen, die auf allgemein akzeptierten Normen, Werten, Regeln und sozialen Gesetzmäßigkeiten basieren und stets die Grundlage für das menschliche Handeln darstellen. Anhand der Befolgung oder Nichtbefolgung dieser Rituale kann stets kontrolliert werden, ob es sich bei einer Handlung um normales oder unnormales Verhalten handelt. Konkret handelt es sich dabei beispielsweise um eine Begrüßung zwischen zwei Bekannten, das Anklopfen an eine Bürotür vor dem Eintreten oder das Tragen von Badebekleidung in öffentlichen Schwimmbädern.

Dadurch, dass Rituale vorgegebene Denk- und Verhaltensmuster beinhalten, bieten sie eine hilfreiche Orientierungshilfe für das menschliche Handeln, schränken es aber gleichzeitig auch enorm ein.

Menschen, deren Erziehung und Sozialisation beispielsweise nicht durch gesellschaftliche Normen gekennzeichnet ist, neigen im Laufe ihres Lebens häufiger zu anomischem, von der Gesellschaft nicht akzeptiertem Verhalten, da sie sich bei ihren Handlungen nicht an vorher erlernten Ritualen orientieren können.

Ein abweichendes Verhalten von dieser bereits bei der Geburt aller Menschen bestehenden Norm wird normalerweise durch soziale Sanktionen oder im äußersten Fall durch die Staatsgewalt bestraft.

Rituale sind zwar häufig unausgesprochene, selbstverständliche Gesetzmäßigkeiten, sie finden ihren Ausdruck allerdings auch häufig in festgeschriebenen Verboten. Diese können beispielsweise aus Gesetzestexten, Arbeitsplänen, Haus- oder Studienordnungen, aber auch aus konkretem Ausschluss bestimmter Menschen von bestimmten Diskursen bestehen. So kann beispielsweise nicht jeder gewöhnliche Mensch an der Gesetzesänderung der Bundesregierung mitwirken, da dies nur bestimmten, ausgewählten Personen vorbehalten ist.

Gesellschaftliche Normen, Werte und Regeln schreiben außerdem allen Menschen genau vor, welches Verhalten der Kategorie der Vernunft und welches der des Wahnsinns zuzuschreiben ist. Unvernünftiges Verhalten wird dabei im Gegensatz zu Vernünftigem von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Im äußersten Fall werden Menschen, deren Verhalten dauerhaft der Kategorie des Wahnsinns zugeordnet wird, in psychiatrische Anstalten eingewiesen. Sie werden also aufgrund der Tatsache, dass sie sich von allen Menschen in ihrem Umfeld unterscheiden, einer strengen Kontrolle unterzogen und gegebenenfalls weggesperrt.

Durch die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit werden außerdem die menschlichen Gedanken ebenfalls in vorgefertigte Denkraster verpackt. Das Leben in modernen Gesellschaften ist so komplex geworden, dass die Wahrheit, die präsentiert wird, als die tatsächliche Wahrheit akzeptiert werden muss. Die einzelnen Individuen können meistens nicht selbst herauszufinden, was wahr oder falsch ist, da ihnen die Mittel dazu fehlen. Oft sind die gesellschaftlichen Methoden zur Bestimmung von Wahrheit, bzw. Unwahrheit allerdings fraglich und zweifelhaft. Ein Extrembeispiel bietet die gerichtliche Durchsetzung des Rechts gegenüber Angeklagten vor Gericht. Die Wahrheitsfindung wird hierbei von staatlichen Instanzen durchgeführt, ohne dass die betroffenen Einfluss auf diesen Prozess nehmen können. Sie müssen sich also immer darauf verlassen, dass die Ergebnisse korrekt sind. Eine andere Möglichkeit, als die präsentierte steht nicht zur Debatte. Manchmal werden Unschuldige bestraft, weil das Gericht, also die Staatsgewalt keine Fehler macht, oder sie zumindest nicht zugibt.

Diese hier kurz vorgestellten gesellschaftlichen Mechanismen tragen zum Schutz gesellschaftlicher Ordnung und gleichzeitiger Begrenzung individueller Entfaltung bei. Da sie den Menschen immer die Richtung für ihre Handlungen vorgeben, tragen sie zur gleichzeitigen Konservierung bestehender Strukturen und Vermeidung von Paradigmenwechseln bei. Um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden, müssen sich alle Menschen von der Geburt bis zum Tod an diesen unbewusst einschränkenden, vorgefertigten Denkmustern orientieren.

Eine objektive Sichtweise auf diese Mechanismen kann vielleicht dazu beitragen, sich der Konstruiertheit gesellschaftlicher Strukturen bewusst zu werden und längst überholten Normen und Regeln nicht mehr blind zu gehorchen, sondern zu versuchen, neue zu etablieren.

Literatur

Foucault, Michel (1974): Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France — 2. Dezember 1970. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. München: C. Hanser.

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kommentar nur für eingeloggte Benutzer möglich