Deleuzes Kontrollgesellschaft: Die Verselbstständigung und Unabschließbarkeit individueller und gesellschaftlicher Selbstregulierung

Deleuzes Theorie der Kontrollgesellschaft baut auf Foucaults Theoriekonstrukt zur Disziplinargesellschaft[1] auf und gewinnt unter Berücksichtigung gegenwärtiger Gesellschaftsentwicklungen besondere Relevanz. Die Ergebnisse dieser Arbeit fasst Deleuze in seinem Text Postscriptum über die Kontrollgesellschaften prägnant zusammen.

Deleuze ist der Ansicht, dass insbesondere seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr von einer Disziplinargesellschaft die Rede sein könne, da die Macht die abgeschlossenen Disziplinarinstitutionen in modernen Gesellschaften endgültig verlassen, und sich vollständig auf alle Bereiche des menschlichen Lebens ausgebreitet habe.

Sie habe sich dabei in nahezu jeden gesellschaftlichen Bereich integriert, ohne dass sie von bestimmten Personen oder Institutionen direkt ausgeübt und durch die Menschen direkt wahrgenommen werde. Die Gesellschaft selbst stelle dabei den Treibstoff dar, der die Machtmaschinerie antreibe und gleichzeitig ihr Funktionieren sicherstelle. Dabei fungiere nicht mehr disziplinarische Einschließung, sondern allgegenwärtige Kontrolle als wichtigstes Mittel zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung.

Dieser verflüchtigte und doch gleichzeitig allumfassende Charakter sorge für eine äußerst effektive Ausübung von Macht und – somit gleichzeitig – von Kontrolle. In modernen Unternehmen spiegelt sich diese Systematik beispielsweise dadurch wieder, dass übergeordnete Unternehmensziele, wie fortschreitende Entwicklung und Profitmaximierung durch Einsatz von Kontrolltechniken wie Konkurrenz oder Anreiz in einem selbstregulierenden Prozess umgesetzt werden, ohne beispielsweise durch Drohung induzierten, direkten Zwang einsetzen zu müssen. Entsprechend lässt sich hierbei eine Unsichtbarkeit von Macht erkennen. Deleuze wählt in diesem Zusammenhang den Schlüsselbegriff der ‚selbstregulierenden Kontrollgesellschaft‘. Allerdings haben ihm zufolge die neuen Herrschaftstechniken innerhalb der Kontrollgesellschaft die Disziplinen nicht abgelöst, sondern ergänzt.

Wesentliches Unterscheidungsmerkmal der Kontrollgesellschaft von der Disziplinargesellschaft bestehe laut Deleuze in der Verselbstständigung und Unabschließbarkeit menschlichen Strebens nach fortschrittlicher Lebensgestaltung. Gesetzte und handlungsleitende Ziele werden in der Kontrollgesellschaft somit nie vollständig erreicht, da sie lediglich eine Vorstufe zu bereits vordefinierten, übergeordneten Zielen darstellen, und sich stets in einer Übergangsphase befinden. Deleuze zufolge hörte man

„[i]n den Disziplinargesellschaften […] nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgendetwas fertig wird“ (Deleuze 1993: 257).

Konkret bezieht er sich vor allem auf die modernen lebensgestaltenden Phänomene des lebenslangen Lernens, kontinuierlicher Umschulungen und Weiterbildungen, ständiger Arbeitsbereitschaft und endlosen Konsum (dies sind allerdings nur einige Erscheinungsformen dieser neuen Gesellschaftsform). Ergebnis dieser Verselbstständigung und Unabschließbarkeit zeigt sich schließlich in einer zügellosen und allgegenwärtigen Kontrolle der individuellen Lebensgestaltung der Menschen, deren Antrieb sich aus inneren Zwängen des Subjekts selbst herzuleiten scheint.

Mit dem aufkommenden Neoliberalismus hat sich die Kontrollgesellschaft weiter ausgebreitet, sodass die noch im fordistischen Zeitalter vorherrschenden Disziplinen von Selbsttechnologien noch stärker zurückgedrängt wurden. Dadurch ist die Kontrolle allerdings nicht verschwunden, sondern hat sich im Gegenteil vervielfältigt und intensiviert. Das digitale Kommunikationszeitalter wirkt hierbei verstärkend, da die umfangreiche Vernetzung die schnelle Ausbreitung der Kontrollmechanismen begünstigte.

Deleuzes Theorie der Kontrollgesellschaft bildet – aufbauend auf Foucaults Disziplinargesellschaft – ein solides Fundament für die Herausbildung und Etablierung einer Optimierungsnorm innerhalb moderner Gesellschaften.

 

[1] In seinem Werk Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses stellt Foucault Disziplinen ins Zentrum seiner Ausgangsthesen. In seiner wissenschaftshistorischen Analyse definiert er Disziplinen als Techniken, die zur Verselbstständigung des Gehorsams von Individuen führen und die permanente Ausführung von Anweisungen übergeordneter Machtinstanzen sicherstellen. Ihm zufolge bilden Disziplinen Mechanismen zur Machtindividualisierung ab, die dazu verwendet werden, Individuen zu überwachen, ihr Verhalten und ihre Qualifikationen zu kontrollieren und ihre Leistung zu steigern und ihre Fähigkeiten zu verbessern. All dies diene dazu sie dem Ort in der Gesellschaft zuzuordnen, an dem sie am nützlichsten seien. Ergänzend bezeichnet er Disziplinen als eine Machttechnologie, die zur Kontrolle des Individuums und auf diesem Wege auch der gesamten Gesellschaft beiträgt.

Vor diesem Hintergrund und unter Einbeziehung panoptischer Überwachung als allumfassendes Kontrollinstrument entwickelt Foucault das Theoriekonstrukt der Disziplinargesellschaft. Dabei sieht er das Panoptikum als Prinzip, welches die moralischen, sozialen, wirtschaftlich-architektonischen und strafrechtlichen Ideen der damaligen Zeit in sich vereint und nutzt es zur Erklärung aufgezwungenen Verhaltens in westlichen Gesellschaften.

Literatur

Deleuze, Gilles (1993): Unterhandlungen, 1972-1990. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1778).

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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