Das Digitale Panoptikum

„Der perfekte Disziplinarapparat wäre derjenige, der es einem einzigen Blick ermöglichte, dauernd alles zu sehen. […] ein vollkommenes Auge der Mitte, dem nichts entginge und       auf das alle Blicke gerichtet wären.“

                                                                                                                                 – Michel Foucault (1977: 224)

Das panoptische Überwachungsmuster soll nun anhand einer theoretischen Untersuchung auf die Observationspraktiken des 21. Jahrhunderts angewendet werden. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Bezug auf Benthams Panoptikum herausgearbeitet.

Snowdens Enthüllungen haben das Thema der Überwachung, insbesondere durch die große Medienpräsenz massiv ins öffentliche Blickfeld gerückt und lösten allgemeine Unsicherheit innerhalb der Bevölkerung aus. Das subjektive Überwachungsgefühl des Einzelnen stieg bei der Benutzung digitaler Medien deutlich an. Überwachung wurde seitdem in den Gedanken der Nutzer digitaler Medien zunehmend präsenter, ohne mit Sicherheit zu wissen, ob sie tatsächlich überwacht werden. Die gefühlte Kontrolle ohne Gewissheit über den Überwachungsgrad kommt hier deutlich zum Vorschein.

Demnach haben Snowdens Veröffentlichungen durch die Umwandlung der verdeckten, in offene Überwachung zur Entfaltung der panoptischen Hauptfunktion geführt, die in der Theorie mit deutlich mehr Kontrolle und Disziplinierung der Bürger durch die Regierung verbunden ist.

Dennoch sind sich heutzutage – im Gegensatz zur Überwachung innerhalb des Panopticums – bei weitem nicht alle Menschen darüber im Klaren, dass sie beispielsweise bei der Benutzung digitaler Kommunikationsmedien, potentiell überwacht werden könnten. Diese Unwissenheit Vieler stellt eine klare Einschränkung des panoptischen Überwachungsprinzips heutiger Gesellschaften dar.

Ein weiterer wichtiger Aspekt heutiger Überwachung ist der Gegensatz zwischen der zentralisierten Disziplinarintention des Panoptikums und einer ungeheuren Intentionsvielfalt heutiger Überwachung.

Im panoptischen System werden die Insassen stets im Glauben gelassen, dass sie von einem Aufseher überwacht werden, der bei Norm- und Regelverstößen jederzeit eingreifen könnte. Im 21. Jh. sind die Menschen hingegen einer omnipräsenten Überwachungsvielfalt ausgesetzt, die gleichzeitig von verschiedensten Akteuren durchgeführt werden kann und somit zu einem sehr hohen Komplexitätsgrad führt.

Es hat sich ein weltumspannendes Überwachungsnetz herausgebildet, das dazu in der Lage ist, jeden Winkel des gesellschaftlichen Lebens zu durchleuchten. Die Digitalisierung von Kommunikation und allgemeiner Informationen hat somit in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass Überwachung kaum mehr lokalen Grenzen unterliegt.

Durch Computer-, Internet- und Telefonüberwachung ist es nun möglich geworden, die Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort zu überwachen.

In diesem Zusammenhang lässt sich Foucaults Feststellung, dass der Polizeiapparat des 18. und 19. Jahrhunderts eine besondere Stellung bei der Vervollständigung der Disziplinargesellschaft einnimmt durch nachstehenden Zusatz erweitern:

Am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jh. wird diese Sonderstellung der Polizei durch die digitalen Kommunikations- und Informationsmedien ergänzt. Mit ihrer Hilfe kann nun jeder gesellschaftliche Bereich zu jeder Zeit überwacht werden. Das Panoptikum hat sich somit dezentralisiert.

So stellt Whitaker zusammenfassend fest, dass die neuen Informationstechnologien die Möglichkeit einer realen, nicht nur einer vorgetäuschten Allwissenheit bieten und gleichzeitig den einen Aufseher durch eine Vielzahl von Inspektoren ersetzen (1999: 177).

Als Konsequenz daraus zeichnet sich das dezentrale Panoptikum – im Gegensatz zum ursprünglichen Konstrukt – dadurch aus, dass hier die digitalen Datenkanäle die Anwesenheit, bzw. räumliche Nähe des Kontrollpersonals zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplinierung überflüssig machen. So kommt es verstärkt zu einer Verflüchtigung der Beziehung zwischen Überwachern und Überwachten.

Im Bezug auf diese Dezentralisierung konstruieren Baumann und Lyon das Sinnbild einer modernen flüssigen, bzw. gasförmigen, sich in stetiger Bewegung befindenden Überwachung (2013: 7).

Demzufolge tritt der Faktor der Selbstdisziplinierung heute viel stärker in den Vordergrund, der vor allem durch eine Verinnerlichung von symbolischen Machtbeziehungen verstärkt wird. Ein Arbeitgeber muss sich beispielsweise nicht mehr direkt im Sichtbereich seiner Arbeitnehmer aufhalten, um die Ausführung seiner Arbeitsanweisungen zu kontrollieren. Es genügt im Einzelfall, wenn er seine Arbeiter durch ein GPS-Signal in ihrem Mobiltelefon lokalisieren, bzw. durch eine Videokamera beobachten kann. Diesen Überwachungszustand bezeichnet Baumann als postpanoptisch (2003: 18).

 

Aufgrund dieser unüberschaubaren Überwachungsvielfalt, sind die Auswirkungen auf die Überwachten kaum mehr greifbar. Im digitalen Raum des Internets kann eine einzelne Person beispielsweise jederzeit einer multiplen Überwachung ausgesetzt sein, ohne dies zu bemerken.

Akteure wie Geheimdienste, kommerzielle Unternehmen, neugierige Privatpersonen, Internetdienste, Polizisten, soziale Netzwerke, Freunde, Partner usw. sind dazu in der Lage, ein und dieselbe Person gleichzeitig auszuspionieren. Sie alle haben unterschiedliche Überwachungsintentionen und Möglichkeiten, die auf ihre jeweiligen Interessen und Situationen ausgerichtet sind. Dies führt dazu, dass man heute nie mit Sicherheit weiß, ob und von wem man zu welchem Zweck überwacht wird.

Allerdings kann diese Hauptfunktion des Panoptikums nicht auf die gesamte Gesellschaft angewendet werden, da sie aufgrund ihres hohen Komplexitätsgrades

„ein weit umfassenderes und unendlich komplizierteres Phänomen als [ein panoptisches Kontrollhaus ist:] weniger überschaubar und damit weit schwieriger zu kontrollieren.“ (Whitaker 1999: 61)

 

Desweiteren beruht das Digitale Panoptikum heute im Gegensatz zu Benthams architektonischem Konstrukt vorwiegend auf Einverständnis. Die Menschen werden nicht, in Einzelzellen eingesperrt und einer unfreiwilligen Disziplinierung ausgesetzt, sondern akzeptieren Überwachung oftmals freiwillig, da dies in ihren Augen größtenteils mit offensichtlichen Vorteilen verbunden scheint.

Treffende Beispiele für die freiwillige Preisgabe von privaten Daten und Informationen bestehen in der heute gängigen, oftmals kommerziellen Überwachung, wie sie bei der Nutzung sozialer Netzwerke, Speicherung und Auswertung von Online-Suchhistorien oder Kundenrabattkarten Anwendung findet.

Besonders im Bezug auf die kommerzielle Überwachung wird deutlich, dass ganz im Gegensatz zu Benthams Panoptikum, keine physische Isolierung, sondern eine psychische Beeinflussung

in Form einer Individualisierung der Menschen stattfindet. So wurden die Einzelzellen des Panoptikums heute zunehmend durch Kundenrabattkarten und Online-Suchalgorithmen ersetzt.

 

Vergleicht man des Weiteren das Panoptikum mit dem Phänomen der Videoüberwachung, so lässt sich festhalten, dass es auch hier sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten gibt. Überwachungskameras dienen grundsätzlich nicht der Observation einer spezifischen Zielgruppe, weil sie willkürlich jeden aufzeichnen, der sich an dem jeweils überwachten Ort befindet. Somit steht hierbei die Observation des Ortes (und damit dessen Sicherheit) und nicht die Aufzeichnung des Individuums im Vordergrund.

Im Gegensatz zum Panoptikum, bei dessen Insassen es sich stets um eine ausgewählte, zu disziplinierende Zielgruppe handelt, werden im Zuge von Videoüberwachung alle Menschen willkürlich zur Zielscheibe einer panoptischen Disziplinierungsprozedur. Sie führt somit zur Ausdehnung des panoptischen Prinzips auf weitere Teile der Gesellschaft. Dieser Sachverhalt kann beispielsweise an der enormen Videoüberwachung in Großbritannien illustriert werden, denn dieses Land zählt heute zu den meistüberwachten Ländern weltweit.

Eine Parallele zwischen panoptischer- und Videoüberwachung ist, dass beide auch Zwischeninstanzen zur Machtsicherstellung überwachen können. Im Panoptikum können sowohl die Insassen als auch die Unteraufseher und im Zuge von Videoüberwachung neben den gewöhnlichen Passanten auch die Ordnungshüter kontrolliert werden. Die dadurch erreichte Kontrolle der Ausführung von Instruktionen sichert in beiden Fällen das Funktionieren der Machtordnung.

Eine weitere Übereinstimmung bei beiden Observationspraktiken besteht in dem Unsicherheitsfaktor für die überwachten Personen. Eine einfache Attrappe, die eine Videokamera nur vortäuscht, ist oftmals ausreichend, um den gewünschten Effekt der Normeinhaltung herbeizuführen.

Gerade im Bezug auf Videoüberwachung ist die Selbstdisziplinierung der observierten Personen weit ausgeprägt, da potentielle Täter sowohl visuell als auch auditiv aufgenommen werden können. Ähnlich ausgeprägte Mechanismen greifen auch beim Panopticum. Allerdings ist zu beachten, dass sich diese Disziplinierung im panoptischen System viel tiefgreifender vollzieht, da hier ein unverzügliches Eingreifen der Aufseher bei Norm- und Regelverstößen jederzeit möglich ist. Im Gegensatz dazu ist ein Einschreiten im Zuge von Videoüberwachung nur sehr begrenzt möglich, da das aufgenommene Material meistens zeitverzögert ausgewertet wird. Erst nach solch einer späteren Auswertung kann Beweismaterial zu Ermittlungen herangezogen werden und gegebenenfalls zu Verhaftungen von potentiellen Verbrechern führen. Allerdings hat Videoüberwachung nur dann direkte Norm- und Regelbefolgung zur Folge, wenn ein unverzügliches Eingreifen möglich ist. So können Verbrechen oft nicht durch sichtbar platzierte Kameras verhindert werden. Delinquenten können sich auf diese Observationsmaßnahmen beispielsweise durch Tarnung einstellen und dadurch normkonformes Handeln und Bestrafung umgehen.

Durch dieses Prinzip offenbart sich ein zeitverzögertes Panoptikum, da die Menschen nicht sofort, sondern häufig erst nach einiger Zeit für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie sehen sich daher mit einem Rückkopplungseffekt konfrontiert.

Somit kann eine Überwachungskamera in vielen Punkten mit Benthams panoptischem Turm gleichgesetzt werden, allerdings dürfen die genannten Einschränkungen nicht außer Acht gelassen werden.

 

Auch Vorratsdatenspeicherung greift einige Aspekte des Panoptikums im 21. Jahrhundert auf. Sie folgt dem panoptischen Muster in der Hinsicht, dass alle Menschen gleichsam von der Observation betroffen sind. Demzufolge sitzen alle Individuen in einem symbolischen panoptischen Gefängnis, in dem ihre gegenwärtigen und vergangenen digitalen Kommunikationen stets kontrolliert werden.

Größter Unterschied ist jedoch die zeitliche Ausdehnung der Überwachung. Bei der Vorratsdatenspeicherung können beispielsweise lange zurückliegende Kommunikationen mit danach verdächtig gewordenen Personen zu späteren Ermittlungszwecken gegen diese herangezogen werden.

Diese zeitliche Komponente stellt eine Erweiterung des panoptischen Überwachungssystems dar. Anders als im Panoptikum werden bei der Vorratsdatenspeicherung nicht nur gegenwärtige, sondern darüber hinaus auch in der Vergangenheit liegende Handlungen kontrolliert. Normen und Regeln müssen somit durchgängig – quasi auf Vorrat – befolgt werden. Die traditionelle Idee des Panoptikums wird dabei, ähnlich wie bei der Videoüberwachung, um eine rückwirkende Funktion erweitert.

 

Allgemein lässt sich festhalten, dass sowohl Benthams als auch das Digitale Panoptikum des 21. Jh. grundsätzlich nach dem rationalen Prinzip des homo oeconomicus aufgebaut sind. Demnach führen die überwachten Personen in beiden Fällen Handlungen nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip aus. Es wird also davon ausgegangen, dass sich die Menschen nur dann normkonform verhalten, wenn sie einer potentiellen Überwachung ausgesetzt sind, weil dies den größten Nutzen und die geringsten Kosten verursachen würde. Dieses Prinzip muss jedoch für die digitale Überwachung des 21. Jahrhunderts aufgrund der heutigen Intentionsvielfalt teilweise eingeschränkt werden.

Da es sich oftmals bei der Videoüberwachung um eine sichtbare Form von Überwachung handelt, kann das Prinzip des homo oeconomicus hier Anwendung finden. Während ihrer Observation können die Menschen hierbei bewusst und rational zwischen Kosten und Nutzen ihres Verhaltens abwägen.

Im Zuge des rückwärtigen Panoptikums bei der Überwachung durch Vorratsdatenspeicherung entfällt diese Funktion allerdings weitestgehend, da Handlungen, die in der Gegenwart durchgeführt werden, sich häufig erst in der Zukunft, in Verbindung mit unabhängigen Parallelhandlungen negativ auswirken können.

 

Abschließend lässt sich festhalten, dass die heutige Überwachung immer komplexer und somit für den Einzelnen weniger greifbar wird. Hierin liegt ein entscheidender Unterschied zum Prinzip von Benthams Panoptikum. Die stets sichtbare Silhouette des panoptischen Beobachtungsturms hat sich vervielfältigt, wobei paradoxerweise die Konturen der einzelnen Überwachungsmechanismen immer stärker verblassen.

 

Literatur

Bauman, Zygmunt; Lyon, David; (2013): Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung. Berlin: Suhrkamp.

Bentham, Jeremy (2013): Panoptikum oder Das Kontrollhaus. Unter Mitarbeit von Andreas Leopold Hofbauer und Christian Welzbacher. 1. Aufl. Berlin: Matthes & Seitz (14).

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gaycken, Sandro; Kurz, Constanze (2008): 1984.exe. Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien. Bielefeld: Transcript.

Lyon, David (1994): The electronic eye. The rise of surveillance society. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Whitaker, Reg (1999): Das Ende der Privatheit. Überwachung, Macht und soziale Kontrolle im Informationszeitalter. 1. Aufl. München: Kunstmann.

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