19.7. Die Informationsvielfalt

Heute können wir also schön frei wählen zwischen dem sich zuspitzenden „Syrien-Konflikt“ und den „Lieblings-Restaurants der Promis auf Mallorca“ als Lektüre zum Kaffee aus Kolumbien. Je nach Lust und Gebäckstück. Natürlich muss er „Konflikt“ genannt werden, weil erbitterter „Bürgerkrieg“ versaut den Geschmack des Croissants. Besonders wenn die Leute morgens zum Frühstück lesen und doch wohl nicht ernsthaft nachdenken, sondern sich lieber auf die Arbeit einstellen sollten; mit einem klaren, optimistischen Kopf läufts besser. Zu viel Sorgen um Andere senkt die Produktivität.

Hierzulande scheint das besonders gut zu funktionieren: Während in Frankreich die politische Revolution tobte (durchaus fragwürdig) und in England die wirtschaftliche (Industrialisierung und Kapitalismus, ebenfalls durchaus fragwürdig) gab es in Deutschland eine „Leserevolution“: Wer was auf sich hielt im Bürgertum, der las über das Woanders-Stattfindende und bildete sich eine ausgefeilte, differenzierte Meinung darüber. Die teilte er dann gerne in Briefen mit, oder verkündete sie bei edlem Alkohol und Tabak in den Salons der Lesegesellschaften (heute unter Studenten gerne bei Bier und Pueblo draußen oder in einer Bar). Ansonsten aber hält er brav sein Maul und kuscht, wenn die Lesegesellschaft überwacht (oder die Untere Brücke polizeilich geräumt) wird.

Natürlich hatten sich damals die ach so humanistischen, freigeistlichen Aufklärer schön fleißig nach unten abgegrenzt: die „sozial durchlässigen Lesegesellschaften“ erhoben Mitgliedsbeiträge, die sich Bauern (und dann langsam das Heer der Arbeiter) nicht leisten konnten. Auch gingen sie zusammen mit der Obrigkeit dezidiert gegen eine Aufklärung der Bauern vor. So schrieb der „Erzaufklärer“ Adolph Knigge, Bildung für Bauern sei durchaus sinnvoll, besonders religiöse um ihnen den Aberglauben abzugewöhnen und (einfache) mathematische um ihre Produktivität zu steigern. „Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten und Fabeln in die Hände zu spielen, sie zu gewöhnen, sich in eine Ideenwelt zu versetzen, ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand zu öffnen, den man nun einmal nicht verbessern kann, … durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage, sie zu Philosophen zu machen, die über die ungleiche Austeilung der Glücksgüter plappern … das taugt wahrlich nicht“. Sehr ähnlich drückte sich übrigens auch der als „Aufklärungsfürst“ glorifizierte Friedrich II. von Preußen aus. Schließlich folgte ein „breiter Feldzug gegen übermäßige Volksbildung“.

Und heute? Same shit, different century (siehe die Zeitungslandschaft. Und ich meine alle). Es widert mich an. Am meisten widert mich an, dass ich mich selbst davon nicht ausnehmen kann. Ein bisschen aufregen, normalerweise beim Bier in schöner Szenerie in einer doch recht homogenen Gruppe, nun am Laptop. Ich werde aber sicher gut und bequem schlafen.

Gute Nacht, selbstgerechter Fleckchen Erde mit fragwürdiger „nationaler Identität“!

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