14 wird 15: Ein Unbedeutender über den Jahreswechsel

Ein spätes G‘sunds Neu‘s meinerseits!

Was ist nicht alles passiert letztes Jahr? Lauter Ereignisse, bei denen wir nicht dabei waren.

Syrien, Ukraine, IS, PEGIDA. Weltmeisterschaft, PEGIDA, Helene Fischer (von PEGIDA tolerierte Migrantin).

Wir waren nur am Laptop dabei, oder derweil auf der Arbeit, oder einkaufen. Oder vor dem Smartphone, Tablet, Laptop, HD-Blue-Ray-Heimkino mit BOSE-Boxen etc. Oder Saufen. Auch weil wir immer mehr das Gefühl kriegen, dass die Weltereignisse, die Weltpolitik, mit uns nichts zu tun hat.

Einerseits.

 

Andererseits natürlich Betroffenheit:

Betroffenheit gegenüber den unhaltbaren Zuständen in Brasilien während der WM. Doch die Zäune waren schon hoch genug gebaut, damit wir bei den Spielen die Slums und das Elend nicht sehen konnten, das steigt, wenn die FIFA in ein Land einfällt. Als Weltmeister ist das natürlich schnell vergessen, war ja auch schön, ist ja völkerverständigend und so. Die sollen sich mal nicht so haben. Und ja, besser sie schwenken ihre Fahnen in Stadien als auf dem Schlachtfeld oder in der Gladiatoren-Arena!

Die CSU ist betroffen, weil sie Konkurrenz in ihren Parolen bekam, von AfD und PEGIDA (und mittlerweile dem Leipziger Pendant LEGIDA). Die Angst vor den 0,2 Prozent Muslimen in Sachsen als mobilmachende Propaganda auszuweiten, das hatte sich aber – fairerweise gesagt – nicht mal die dortige CDU getraut. Respekt, Herr Lutz Bachmann, PEGIDA-Gründer. Und, Herr Bachmann – das Leben ist ironischer als jede Satire – wissen Ihre Sympathisanten denn eigentlich, dass Sie auch schon mal Flüchtling waren? Vor dem deutschen Gesetz nach Südafrika geflohen. Und abgeschoben worden. Vielleicht weht daher der Hass, Herr Bachmann? Aber die Leute machen mit, sind vor gefütterten Ängsten blind gegenüber der meist doch recht banalen Realität, gehen wütend auf die Straße, nicht etwa gegen Ausbeutertum und Scheindemokratie, für Freiheit, Liebe und Zusammenhalt, nein, mal wieder sind die Ausländer an allem Schuld, tolle neue Idee, wirklich Herr Bachmann!

Betroffenheit gegenüber den Kurden, die mit Waffenlieferungen ausgedrückt wurde (an die IS über Umwege bereits zuvor, siehe http://dieweltneuschreiben.de/zum-tag-der-deutschen-waffenreinheit/).

Betroffenheit gegenüber den syrischen Flüchtlingen. Allzuviele kann sich unsere Gesellschaft natürlich nicht leisten. Gut, der Libanon nahm 1.000.000 Menschen auf, bevor sie den Einreisestopp verhängten. Aber mit der libanesischen Wirtschaftskraft können wir ja auch nicht mithalten.

Da müssen andere Alternativen her, also auf private Investoren zurückgreifen, die sicher nur das Wohl der Flüchtlinge zu ihrem Handeln motiviert. European Homecare. Gut, dass bei der Einstellung der Sicherheitsleute ein kleiner Fehler unterlief kann schon mal vorkommen (Einstellung von flüchtlingfolternden Neonazis). Aber hey, ist das ein Grund die Privatisierung von Flüchtlingsheimen zu stoppen und den angeblich unserer Wahl unterworfenen Staat in die Verantwortung zu ziehen? Ach, lieber nicht. Lieber weiter privatisieren.

Betroffenheit mit der Ukraine. Eine Freundin, die dem Pass nach Ukrainerin ist und russische Eltern hat, erzählte mir, dass sie sich damals die Staatsbürgerschaft aussuchen konnte, dies aber eine kleine Lappalie war, sie lebte eben mit ihren russischen Eltern zusammen als Ukrainerin in der Ukraine, da fragte keiner nach der Staatsangehörigkeit. Heute werden dort in einigen Landesteilen Menschen getötet, nur weil sie einen russischen Pass haben. Das soll nicht heißen, dass Pokerspieler aus Russland nicht auch ihre Hände im derzeitigen Dreck waschen, um aus dem Zustand möglichst viel Profit zu schlagen. Aber es gibt doch zu denken, über die 2014-dominierende Berichterstattung vom bösen Russen (sogar die Hilfskonvois wurden als irgendwie böse ausgelegt – ich weiß jetzt gerade nicht, wie die das angestellt haben), und nun, da mal wieder ein Haken unter ein Jahr gemacht wurde, sollten wir vielleicht ein paar Details nicht vergessen: Janukowitsch war wohl ein Arschloch, allerdings ein demokratisch gewähltes Arschloch, im Gegensatz zur von der EU und den USA unterstützten Putsch-Regierung in der sog. „Westukraine“. Vom ganzen NATO vs. Sowjet Ego-Einflusszonen-Scheiß-Spiel der oberen Herren (und auch Damen, der Fortschritt ist auch hier nicht aufzuhalten) will ich jetzt nicht anfangen, über die Krim, Georgien (seit wann liegt das am Atlantik? Hab ich da in Erdkunde nicht aufgepasst?) und was noch so alles kommt nicht spekulieren, wo ich doch recht offensichtlich einseitig informiert werde, deshalb aber noch lange nicht die Gegenseite glauben kann. Vielleicht sollte ich auch einen Haken drunter machen.

Aber wir haben jetzt 2015, indes bekommt PEGIDA weiter Zulauf, die Flüchtingsströme aus Syrien nehmen weiter zu, der Bürgerkrieg in der Ukraine geht weiter. Näherinnen in Bangladesch, Indonesien, Kambodscha, dem Shanghai-Delta usw. nähen sich für unser Luxusleben und eine Schüssel Reis am Tag die Hände blutig, Kriege in rohstoffreichen Regionen wie der Elfenbeinküste und dem Kongo sind nach wie vor Regelmäßigkeiten, geführt für die Reglung des Zugangs zu jenen Rohstoffen für westliche Investoren, damit das i-Phone hier weiterhin bezahlbar bleibt und wir zuverlässig auch nächste Weihnachten wieder ordentlich shoppen können („Diamonds are a girls best friend – except it’s a Congolese girl…“).

Und natürlich ist schon wieder so viel Neues hinzugekommen:

Die deutsche Bundesregierung drohte Griechenland mit dem EU-Ausschluss, sollten sie die linke Partei von Alexis Tsipras wählen. Etwas so Dreistes macht mich immer fassungslos (ähnlich wie der Funny-Fact, dass die FIFA an Interpol „spendet“ oder das Deutsche Bank Chef Fitschen sich beim Minister beschwerte, weil er von der Durchsuchung seiner Bank wegen Steuerbetrug um die 300.000 Millionen nicht Bescheid gegeben hat). Das „Gemeinsam für Europa“ Plakat mit der Merkel drauf (obwohl sie bei der Wahl gar nicht kandidierte) noch nicht vergilbt, da leistet sie sich schon sowas! Natürlich ohne Absprache mit der EU, die denn auch mitteilte, ein Austritt Griechenlands sei nicht vorgesehen (trotz der mehreren zehntausend in Brüssel ansässigen Lobbyisten). Mit der Dreistigkeit des selbstinszenierten Images vom Land der „Griechenland-Retter“, unterfüttert durch die Bild-Zeitung („Merkel darf sich das nicht bieten lassen“), obwohl diese „Hilfen“ zur Rettung der Investoren und zum Kauf deutscher Leopard-Panzer hergenommen wurden, die Deutsche Bank dadurch einen riesen Reibach macht, während die Busse streiken, weil die Busfahrer nicht bezahlt werden können, die Apotheken dichtmachen, weil der Medikamentenzuschuss weiter nicht geleistet werden kann und sich ein Drittel kein warmes Wasser und keine Heizung im Winter mehr leisten kann. Aber nebensächlich, die Bundesregierung als „Geberland“ verlässt sich auf den alten NSDAP-Spruch: „Man soll nur von Europa sprechen, die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst“.

Genug von im Grunde peinlichem Zynismus, weiter zum nächsten Thema.

Man kann wohl auch Ende Dezember 2015 nicht über das Jahr sprechen, ohne das europäische 9-11 Pendant zu nennen. Je suis verwirrt.

Bzw. habe ich eher ein bisschen Angst. Angst, dass aus einer menschenverachtenden, schrecklichen Tat menschenverachtende, schreckliche Gesetze hervorgehen. Wie soll man auf Massenmord reagieren? Nun, Mord ist nicht ohne Grund quasi seit Menschengedenken mehr oder weniger verboten (Ausnahmen von Tötungen durch den Staat haben in den meisten modernen Gesellschaften ebenfalls ausgedient, bis auf China, die USA und ein paar andere), und selbstverständlich sollten die Verantwortlichen nach Möglichkeit schnell gefasst, verurteilt und von der Gesellschaft weggesperrt werden.

Gar keine Frage, ein solcher Massenmord ist auf das Schärfste zu verurteilen! Auch der Ausdruck der Betroffenheit durch Demonstrationen ist ein richtiger Zug, um bei der Trauer der Angehörigen zu helfen und um zu zeigen, dass einem die freie Meinungsäußerung noch etwas wert ist.

Doch zurück zu meiner Angst: Das Bundesinnenministerium unter Maizière hat vorgeschlagen, deutschen Islamisten den Personalausweis zu entziehen und ihn gegen einen Islamisten-Sonderausweis ohne Ausreisegenehmigung zu ersetzen. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll! Mein noch nicht ganz von Brot und Spielen ausgelöschter kritischer Teil im Hirn blinkt von allen Seiten rot auf. Der Verweis auf den Judenstern ist wohl fehl am Platze und nur Ausdruck meiner Fassungslosigkeit; die Vorurteile gegen die (zu 99% gemäßigten) Muslime hierzulande werden aber mit solchen Vorschlägen kaum abgebaut werden. Sie sind die falsche Reaktion auf eine extreme, scharf zu verurteilende Tat!

Was war nochmal bei der Tat eines Anders Behring Breivik die Reaktion, als er im Jahr 2011 auf einer Insel 77 Kinder und Jugendliche tötete, die der sozialdemokratischen Jugendorganisation Norwegens angehörten? Er wurde gefasst, verurteilt und weggesperrt. Und das ist die richtige Reaktion! An die Wegnahme von Personalausweisen von Rechtsextremen dachte damals keiner in der EU (wobei das eine recht witzige, ironische Vorstellung wäre).

Na gut, ihr wisst, was ich meine. Vorsicht vor den Reaktionen! Auf Gewalt und Hass nicht mit Gewalt und Hass zu reagieren ist ein Prinzip, dass wir denke ich unterschreiben könnten, wenn wir mal darüber nachdenken. Auch für das zukünftige Jahr 2015.

 

Nach all der Moralisierung wäre es mir peinlich, diesen Jahreswechseltext ohne Selbstkritik zu beschließen; denn: wo war ich, wo werde ich 2015 sein?

Draußen im schönen Bamberg, bei meiner Geliebten, bei meinen Freunden, vor den Lautsprechern im Zimmer oder in Bars und Clubs, vor Büchern, vor dem Laptop, der Gitarre, dem gefüllten Teller, in der warmen Dusche, in der beheizten Wohnung. Ich hatte eine schöne Zeit und werde eine schöne Zeit haben.

Die direkte Konfrontation schon in der Jugend irgendwann relativ abgelegt, weil sich dadurch eben meist nur noch extremere Gegner entwickeln, ich mich sowieso nicht mehr groß streiten oder gar gewaltsam auseinandersetzen will, ich durch Erfahrung immer mehr Menschen in ihrem Handeln meine verstehen zu können, die Meisten tun nur was sie für richtig halten; ich also lieber Liebe gebe und Liebe empfange, in Frieden und Liebe lebe, und mir im Endeffekt nicht großartig mehr einfällt, als an Bars und auf Sofas mit Freunden und Bier zu labern, mir anlässlich des Anschlags auf das Satire-Wesen mal wieder eine TITANIC zu leisten und meinen Ärger mit dem Weltschmerz in einem Austausch-Blog auszudrücken, um ein klein wenig zu versuchen, am Diskurs mitzuschreiben, was doch wahrscheinlich nur vergessen werden wird, nachdem wieder die Haken unter die Jahre gemacht werden von der ARD, RTL, BILD, SPIEGEL-Online, ZEIT, FAZ, SZ usw. usw.

Und, wie geht es weiter? Schalten Sie nächstes Jahr wieder ein, wenn es heißt…

Ein Gedanke zu „14 wird 15: Ein Unbedeutender über den Jahreswechsel

  1. Man merkt beim Lesen, dass dir diese Worte aus der Seele sprechen. Zusammen mit den gut recherchierten Fakten ein beeindruckender Text. Besonders gespannt bin ich darauf wie es weitergeht und welches Fazit (auch im Persönlichen) wohl aus 2015 gezogen wird.

    Denn wie sagte Konfuzius doch gleich:
    „Es ist besser ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

    Stay true brother!

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